Kultur : Wahlen in Hamburg: Nach der Wahl ist vor der Wahl

Karsten Plog

Eigentlich schien kurz nach 18 Uhr schon alles gelaufen. Im Congress-Zentrum deuteten erste Prognosen und Hochrechnungen anscheinend eindeutig auf einen Regierungswechsel in Hamburg hin. Die SPD hatte zwar leicht zugenommen, aber die Grünen etwa ein Drittel eingebüßt. Doch am späteren Abend kam wieder Unsicherheit auf, als die FDP immer noch nur knapp über fünf Prozent lag und das Ergebnis der Auszählung der in diesem Wahljahr besonders zahlreichen Briefstimmen noch nicht vorlag. Die Briefwähler hatten in der Vergangenheit mit der FDP nicht übermäßig viel im Sinn gehabt. SPD und GAL witterten wieder Morgenluft. Gegen 21 Uhr rutschte die FDP zum ersten Mal unter die Fünf-Prozent-Grenze, kurz darauf lag sie wieder ein wenig darüber. Derweil näherte sich die Schill-Partei der 20-Prozent-Marke. Der Abend, der mit so eindeutigen Vorhersagen begonnen hatte, wurde so spannend wie kein Wahlabend zuvor an der Elbe.

Den größten Jubel gab es kurz nach der Prognose um 18 Uhr auf dem Dampfer "Louisina Star" einem Dampfer an den Hamburger Landungsbrücken. Dorthin hatte sich die Partei des Richters Ronald Schill zurückgezogen, nachdem sich andere Orte als zu unsicher für die Anhängerschaft des umstrittenen Kandidaten erwiesen hatten.

Bei den Sozialdemokraten wurde nach Bekanntwerden der Gewinne für Schill das Bier schal. Es wurde fast still im Kurt-Schumacher-Haus, der Zentrale der Partei. Irgendwie hatte die SPD nach 44 Jahren offenkundig bis zuletzt nicht geglaubt, ihr könnte an diesem Sonntag wirklich derartiges widerfahren. Ein Genosse: "Dass Hamburg mit dieser großen Freiheitsliebe einen Mann wie Schill wählt, das ist für mich ganz unverständlich, das ist für Hamburg grottenschlecht. Das halten die doch nicht einmal ein Jahr durch." Der SPD-Spitzenkandidat und Bürgermeister Ortwin Runde ließ sich längere Zeit nicht blicken. Er trat erst mit Verspätung vor die Kameras, wo Beust und Schill bereits den Sieg feierten und der SPD-Landesvorsitzende Olaf Scholz trotzig versuchte, ein wenig dagegen zu halten.

Genau so schlecht wie bei den Sozialdemokraten war die Stimmung in der "Fabrik" in Altona, wo die Grüne Alternative Liste in der Vergangenheit ihre Siege zu feiern pflegte. Noch vor vier Jahren hatte sie in Hamburg bundesweit mit fast 14 Prozent das beste Landtagsergebnis erzielt. Nichts davon war am Sonntagabend geblieben. Den meisten Gästen war schnell klar, dass das Ergebnis sehr wahrscheinlich das Ende der Regierungszeit der Grünen signalisierte. Spitzenkandidatin Krista Sager nannte die Konzentration des Wahlkampfes auf Fragen der Inneren Sicherheit als Hauptgrund für die Verluste: "Wir haben versucht, einen Themenwahlkampf zu führen. Wir haben uns damit aber nicht durchsetzen können."

In der Parteizentrale der CDU brauchte man einige Zeit, um die Chance zu begreifen, die die Hamburger Wähler ihr an diesem Tag geliefert hatten. Über das eigene Ergebnis konnte sich niemand freuen, und Jubel kam erst auf, als Prognosen und Hochrechnungen für Richter Schill ein Ergebnis vorhersagten, das knapp unter 20 Prozent lag. Mit "gemischten Gefühlen" präsentierte sich der CDU-Spitzenkandidat Ole von Beust. Trotz seines schwachen Abschneidens, dem zweitschlechtesten Ergebnis in der Nachkriegszeit, trat der CDU-Politiker wie ein Sieger vor die Kameras: "Jetzt haben wir die Chance, den jetzigen Senat abzulösen."

Die Liberalen waren schon überraschend früh am Abend sehr siegesgewiss, obwohl die Demoskopen noch längst nicht sicher waren, ob es für die Liberalen wirklich reichen würde und vor vorschnellen Siegesfeiern warnten. Rund 100 Parteimitglieder und Freunde begrüßten ihren Spitzenkandidaten, den Ex-Admiral Rudolf Lange.

Im Congress-Centrum begannen angesichts der Hochschrechnungen die Spekulationen über die künftige Regierung. Der SPD-Landesvorsitzende Olaf Scholz stellte klar, dass die SPD wieder mit Abstand stärkste Kraft im Lande geworden sei und mithin den Anspruch habe, mit anderen Verhandlungen über einen künftigen Senat aufzunehmen. Scholz: "Wir wollen eine Regierung ohne Schill." Ähnlich äußerte sich Wirtschaftssenator Thomas Mirow (SPD) und sprach von der Notwendigkeit, angesichts der schwierigen weltpolitischen Lage und der voraussehbaren wirtschaftlichen Probleme in Hamburg eine "stabile Regierung zu bilden". Runde steht dafür, so bekundete er am Sonntagabend, zur Verfügung.

Auffällig war die zurückhaltende Wortwahl des CDU-Spitzenkandidaten. Er habe versprochen. Rot-Grün abzulösen. Da wollte er keine Abstriche machen. In den nächsten Tagen sollen zunächst Gespräche mit der Schill-Partei und der FDP aufgenommen werden. Aber auch Verhandlungen mit der SPD wollte Ole von Beust nicht ausschließen: "Grundsätzlich sind alle großen demokratischen Parteien koalitionsfähig." Den Hoffnungen der SPD, die Liberalen könnten zuletzt doch noch zu einer Ampelkoalition bereit sein, erteilte FDP-Spitzenkandidat Rudolf Lange eine deutliche Absage: "Eine Ampel wird es mit der FDP nicht geben." Doch später wurden die Töne diplomatischer.

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