Kultur : Wahlen nach Noten

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Kai Müller über die Krise der Pop-Industrie

Wenn es nach den Managern der Musikindustrie ginge, dann hätte Schröder die kommende Wahl schon verloren, und die Grünen kämen nicht einmal in den Bundestag. In einer Umfrage des Branchenblatts „Musikwoche“ haben nur 31,8 Prozent der SPD ihre Stimme geliehen, während CDU/CSU auf 34 und die FDP auf 17 Prozent kommt. Nun ist fraglich, ob Mitglieder der Musikwirtschaft je zum linken Stammwählerpotenzial gezählt haben. Doch dass sie ernüchtert auf die letzten vier Regierungsjahre zurückblicken, steht außer Zweifel.

Sie haben auch allen Grund, zerknirscht zu sein. Seit über zwei Jahren leidet die Phonoindustrie, die sich an diesem Wochenende zur 14. Popkomm in Köln trifft, unter schrumpfenden Absatzzahlen, und die nehmen immer bedrohlichere Ausmaße an: Nach Einbußen im vergangenen Jahr von 10,2 Prozent hat sich der Abwärtstrend auch im ersten Halbjahr 2002 fortgesetzt. Statt 108 wurden nur noch 97 Millionen Tonträger verkauft. Keine andere Branche leidet so sehr unter den Rezessionsängsten ihrer Kunden, für die Musik vielleicht wichtig, aber eben nicht lebenswichtig ist. Kultur muss man sich leisten können – selbst wenn sie so „billig“ ist, wie man der Popkultur nachsagt.

Wenn nur die Konjunktur auf die Bilanzen drücken würde, ginge es den Plattenfirmen schlecht. Die Piraterie aber macht es wirklich schlimm. Nicht nur verletzt sie Urheberrechte, von denen künstlerische Existenzen abhängen, sie bringt auch ein ausbalanciertes Subventionssystem ins Wanken, durch das Musikkonzerne mit den Gewinnspannen von Hit-Alben neue Künstler aufbauen. Seitdem jedes Jahr mehr CD-Rohlinge als CDs verkauft werden, fehlt ihnen für den kreativen Nachwuchs das Geld. Und ein Ausweg ist nicht in Sicht.

Wenn Kulturstaatsminister Nida-Rümelin heute in Köln vor Vertretern der Musikindustrie über Maßnahmen der Regierung spricht, die Position der angeschlagenen Branche zu stärken, dann wird vermutlich wieder das Wort „Quote“ fallen. Schon in einer Bundestagssitzung am 22. Februar verwies der Staatsminister auf Frankreich. Dort erlebt die Musikbranche gegenwärtig einen Aufschwung, weil französische Musiker durch eine rigide Radio-Quote vor der amerikanischen Pop-Dominanz geschützt werden.

In Deutschland sind deutsche Texte im Radio verpönt. Sie lenken den Hörer von den Werbebotschaften ab, durch die sich die Radiolandschaft finanziert, heißt es. Das Kartell der Formatradios zu durchbrechen wäre ein großer Schritt. Denn wie im Kino, wo vor allem deutsche Filme neue Zuschauerschichten erschließen, können deutsche Popsongs Leute begeistern, denen Musik wieder lebenswichtig ist.

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