Kultur : Wahlkampf: Mit Blick auf die Mitte

Mirko Weber

Martin Neumeyer schaut ein wenig erstaunt. Eine ganze Halbe! 0,5 Liter Bier in zwei Stunden. Normalerweise bestellt der Chef ein Alkoholfreies und kriegt es nie ganz alle. Aber heute? Überhaupt kennt Neumeyer, der die Pressearbeit in der Bayerischen Staatskanzlei organisiert, seinen Ministerpräsidenten manchmal nicht mehr ganz wieder in diesen Tagen, seit Edmund Stoiber Kandidat fürs Kanzleramt ist, zum Beispiel wenn der beim Hintergrundgespräch sagt: "Ich will das hier nicht vertiefen", und dann tatsächlich - und ganz anders als gewohnt - nichts vertieft, nicht so richtig jedenfalls.

Es könnte natürlich auch sein, dass Neumeyer an diesem neuen, entspannten, ja geradezu aufreizend gelassenen Erscheinungsbild wesentlich beteiligt ist, das der Kandidat im Moment abgibt, schließlich will er ihn näher in die Mitte rücken, wo Stoiber, glaubt man den ganzseitigen Zeitungsanzeigen der SPD, kaum hingehört. Franz Müntefering hat eine Optik entwerfen lassen, die Stoiber nicht mehr erfassen kann, wie es in der Anzeige heißt. Zu weit rechts sei der - und deshalb nicht zu sehen. Stoiber kann da nur lachen und lehnt sich im Bayernzimmer des Münchner Landtags vor der versammelten Landtagspresse auf der Holzbank zurück. 300 000 Euro soll die Kampagne der roten Kampa gekostet haben. "Ich hoffe, die machen noch lange weiter so Wahlkampf", sagt Stoiber. Er muss sich billiger verkaufen, zwangsläufig. Knapp 20 Millionen Euro haben CDU und CSU in ihrem Haushalt für Werbezwecke vorgesehen, die jetzt Roland Kochs Vertrauter Franz Josef Jung zu verwalten haben wird. Man hofft, es kommt noch etliches dazu, von den Mitgliedern und vor allem aus der Wirtschaft.

Neumeyer blickt ein wenig angespannt. Was die Wortwahl betrifft, schwankt der Kandidat noch. Einerseits sieht er sich als "Marathonläufer", der aber "erst bei Kilometer drei" sei, andererseits betont er immer wieder seine Fähigkeit als "Teamspieler". "Wir in der Union" ist jetzt eine von Stoibers Lieblingsfloskeln. Die kannte man so nicht von ihm, aber auch was die "Familie CDU/CSU" betrifft, ist die Metaphorik noch nicht ganz ausgereift. Er sei ja für die CDU "ein Freund der Familie", bemerkt Stoiber. Neumeyer runzelt kurz die Stirn. "Entschuldigen Sie", sagt der Ministerpräsident, "ich bin natürlich ein Mitglied." Und wen hat die SPD? "Den Kanzler", sinniert Stoiber, "und sonst keine starke Mannschaft".

Er kennt ihn gut, seinen Schröder, dem er als Generalsekretär das erste Mal begegnet ist. Damals war Gerhard Schröder Juso-Vorsitzender. Stoiber weiß, dass er dem Kanzler die Themen nicht aufnötigen muss. Sie liegen auf der Hand, sagt er, "die Essentials".

Vor einer Woche undenkbar

Fast hätte der Kandidat "Gedöns" gesagt. Homo-Ehe: "Ich bitte Sie, man kann doch kein Faktum rückgängig machen, das wäre ja absurd." Atomausstieg: "Wir werden prüfen, was wir zurücknehmen können." Öko Steuer: dito. Allenfalls die letzte Stufe sei zu kippen. Das klingt viel weniger scharf als in den ersten Interviews nach der Kür, und so soll es wohl auch sein. Nein, er will es nicht vertiefen. Dafür lässt er sich, nachdem er ein wenig mit der Geldbörse gewedelt hat, sogar von einer Boulevardreporterin ins Portemonnaie gucken, ein Vorgang, der noch vor einer Woche undenkbar gewesen wäre. Drin sind viermal 50 Euro und ein bisschen Kleingeld. Stoiber zählt alles gut gelaunt auf den Tisch. Neumeyer grinst.

Ronald Schill sei "kein Koalitionspartner". Der bayerische Innenminister Günther Beckstein mag mit dem Kollegen Senator aus Hamburg reden müssen, Stoiber will es nicht. Dafür hat er mit Guido Westerwelle gesprochen. Vor der Entscheidung. "Westerwelle ist ein sehr interessanter Mann", merkt Stoiber an. "Ich kenne ihn, ich schätze ihn." Eine mögliche Koalition mit der FDP würde keine "Traumhochzeit", sondern eher eine "Zweckgemeinschaft". Aber das alles wird er in Berlin immer wieder mit der CDU-Chefin Angela Merkel besprechen. Neumeyer nickt.

Bauen will Stoiber vor allem auf seine Wirtschaftskompetenz. Einmal an diesem Abend wird er ein bisschen lauter, ganz so, wie man ihn aus anderen Runden in Erinnerung hat, als er vom ökonomischen Schlusslicht Deutschland redet - "im Export hinter Schweden, Großbritannien und Holland". Stoiber schüttelt den Kopf. Gut, versprechen will er nichts, schon gar nicht im Osten.

Wen er kaum als Helfer haben will, steht bereits fest: Der ewige Lothar Matthäus - mittlerweile Trainer in Wien - hatte prompt zugesagt, als ihm ein Radioreporter des Bayerischen Rundfunks, der sich als Mitarbeiter der Staatskanzlei ausgab, ein Angebot für den Posten des zukünftigen Sportministers unterbreitete. "Lothar Matthäus hatte schon immer sehr großes Selbstvertrauen", sagt der Kandidat. Neumeyer lächelt.

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