Kultur : WahlStreet.de: Kursbestimmung

Kurt Sagatz

Spätestens seit der Bundestagswahl 1998 weiß die Politik, was die Internet-Wahlbörse "Wahlstreet" ist. Denn, was keiner erwartet hat, bei diesem Volksentscheid ist es eingetroffen: Eine Internet-Plattform, auf der virtuelle Händler Aktien von Parteien handeln, führte zu besseren Vorhersagen über das Wahlverhalten der Bevölkerung als die Umfragen und Erhebungen der klassischen Meinungsforschungs-Institute. Wer also wissen will, auf welche Prozent-Anteile die Parteien kommen, kann dies kontinuierlich durch einen Blick auf die Seiten von Wahlstreet ( www.wahlstreet.de ) erfahren.

Seit dieser letzten Bundestagswahl hat die Internet-Plattform in rund einem Dutzend weiterer Volksentscheide - sowohl bei Landtagswahlen als auch bei Wahlen in Österreich und der Schweiz - gezeigt, dass das Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage auch in der Welt der Politik zu realistischen Einschätzungen führen kann. Seit dem 1. September 2001 hat das virtuelle Börsenparkett wieder geöffnet. Und gehandelt werden Wowereit, Steffel, Gysi, Klotz und Rexrodt, beziehungsweise deren Parteien-Aktien.

Zum Thema Online Spezial:
Berlin-Wahl 2001
WahlStreet.de:
Die Wahlbörse bei Tagesspiegel Online
Foto-Tour:
Die Berliner Spitzenkandidaten
Hinter der Online-Parteienbörse, die zur Berlin-Wahl von Tagesspiegel Online zusammen mit dem Oldenburger Internet-Unternehmen Ecce Terram veranstaltet wird, steckt mehr als eine weitere Internet-Spielerei. Vielmehr haben renommierte Wirtschaftswissenschaftler wie der Wiener Nobelpreisträger Friedrich von Hayek schon lange vor dem Aufkommen des World Wide Webs postuliert, dass die Kräfte des Marktes verlässliche Aussagen nicht nur im ökonomischen, sondern eben auch im politischen Bereich zulassen. Doch erst mittels vernetzter Computer gelang es, diese These in der Realität zu überprüfen. 1988 war es soweit, dass auf einem Universitätsserver im amerikanischen Iowa die erste elektronische Wahlbörse ihren Betrieb aufnahm. Damals stritten George Bush und Michael Dukakis um die Gunst der Wähler für das höchste Amt der USA. Und die Online-Börse überstand ihre Feuerprobe: Mit einer vernachlässigbaren Ungenauigkeit von 0,1 Prozentpunkten wurde das Ergebnis vorausgesagt. Ein Riesenerfolg des Teams um den Wirtschaftswissenschaftler Forrest Nelson.

Ernsthafte Auseinandersetzung

Doch nicht die Technik, sondern das theoretische Prinzip gibt den Ausschlag für den Erfolg der elektronischen Wahlbörsen. Und dies besagt, dass - eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Thema vorausgesetzt - der Handel mit den Parteien-Aktien deshalb zu so realistischen Einschätzungen führt, weil die Händler nicht nach ihrer eigenen Einschätzung über die Stärke der Parteien-Aktien kaufen oder verkaufen, sondern danach, wie andere Menschen - in diesem Fall die Wähler - die politischen Akteure am Tag der Entscheidung bewerten.

Damit die Händler mit Ernst bei der Sache sind, muss ein kleiner Geldbetrag eingezahlt werden, der in Wahl-Dollars umgetauscht wird. Bei den ersten Wahlen waren das zehn Mark. Um den Anreiz zu erhöhen, sind bei der Berlin-Wahl auch Einsätze von 100 Mark zulässig. Die größten Gewinne ergeben sich übrigens, wenn der Wahlausgang besonders schwer vorauszusagen scheint. Frank Wirth, einer der Entwickler von Wahlstreet, ist sich darum sehr sicher, dass die Berliner Wahl zu den spannendsten Börsen führen wird. "Gerade das Abschneiden der PDS ist schwer abzuschätzen. Das bietet den Händlern reichlich Chancen", sagt Wirth.

Weniger überzeugt von der Aussagekraft der Wahlbörsen sind hingegen die Meinungsforscher. Ihr Hauptargument gegen eine zu starke Gewichtung der Online-Börsen lautet, dass die Internet-Händler eben nicht allein nach der eigenen Einschätzung Parteien-Aktien kaufen oder verkaufen, sondern sich in ihrer Entscheidung auch von Ergebnissen der konventionellen Prognostik leiten lassen. So gesehen, könnten Wahlstreet und Co. immer nur genauso gut sein wie Infas, Infratest oder Prognos. Doch auch der umgekehrte Fall ist denkbar: Wer sollte es den Meinungsforschern verbieten, die Ergebnisse der Parteienbörsen ebenfalls für ihre eigenen Prognosen zu nutzen? Doch wenn sich die Internet-Händler von den Meinungsforschern und die Prognostiker von den Online-Börsen beeinflussen lassen, würden sämtlichen Versuche zur Ermittlung der Stimmung im Wahlvolk zur selbsterfüllenden Prophezeiung. "Sicherlich wäre es besser, wenn die Händler nichts auf die Prognosen der Meinungsforscher geben würde", meint dazu Gregor Brüggelambert, der die Online-Prognose-Instrumente wissenschaftlich beobachtet, und ergänzt: "Vermutlich wären die Ergebnisse der Internet-Börsen dann sogar noch besser."

Kritisch stehen den Wahlbörsen auch manche Parteien gegenüber, schließlich sieht es nicht gut aus, wenn die Kurse der eigenen Partei sinken. Die Grünen wollten diesem Trend im Wahlkampf 1998 aktiv entgegensteuern. Einige Parteimitglieder kauften massiv Grünen-Aktien, um den Kurs in die Höhe zu treiben. Jedoch nur mit mäßigem Erfolg, denn nach kurzer Zeit hatten die anderen Händler die Kurse wieder auf das realistische Maß zurückgestutzt. Wie auch im großen Maßstab haben Interventionen auch an den Online-Wahlbörsen nur kurzfristig Erfolg. Langfristig verlieren alle, die mit der Geldbörse den virtuellen Wahlausgang beeinflussen wollen. Denn am Ende steht die Entscheidung des Wählers, und die ist oberste Richtschnur aller Händler.

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