• Wahlverliebtheiten: Das Fax zum Roman: Tim Krohn und "Irinas Buch der leichtfertigen Liebe"

Kultur : Wahlverliebtheiten: Das Fax zum Roman: Tim Krohn und "Irinas Buch der leichtfertigen Liebe"

Maike Albath

Es gibt Bücher, die nach etwas schmecken. Tim Krohns neuer Roman ist so ein Buch, es schmeckt wie ein Sahnebaiser Dabei geht es um die Liebe, um erotische Verstrickungen zwischen einem Filmregisseur, einer Übersetzerin und einer Mallehrerin, die sich abwechselnd in Moskau, Paris und einer schwedischen Kleinstadt miteinander vergnügen. Sogar der Autor selbst ist mit von der Partie, er diskutiert per Fax mit seiner neuen Eroberung, Irina, die Fortentwicklung der Geschichte. Irina darf Ideen liefern, Forderungen stellen und Einfluss auf die Handlung nehmen.

Von diesem Recht macht sie lautstark Gebrauch, und der Leser bekommt also beides geliefert: die internationale Liebesgeschichte und den Faxwechsel zwischen Autor und Irina, ein work in progress also plus Arbeitsjournal.

Alles beginnt, fast wie in einer Operette, mit einer Verwechslung. Die Übersetzerin Jeanne, russisch-französischer Herkunft und oft auch Dunja genannt, verbringt den Sommer in Pariser Bibliotheken und Archiven. Eines Morgens unterbricht sie ihre Arbeit und schreibt ihrem Mann Ira einen sehnsüchtigen Liebesbrief, den sie per Fax absendet. Statt Ira in Moskau zu erreichen, landet der Brief bei Ewa in Schweden, Iras verflossener Jugendliebe. Ira hat seiner Frau die falsche Faxnummer gegeben, Ewa benachrichtigt Ira, ist von Jeannes Brief aber so sehr in den Bann geschlagen, dass sie die junge Frau kennenlernen möchte und nach Paris aufbricht. Ira macht sich während dessen über seine Ehe mit Jeanne Gedanken, und Jeanne, zerrissen zwischen zwei Kulturen, taucht in die Selbsterfahrung ab.

Homoerotische Phantasien beschäftigen sie ebenso sehr wie der endgültige Sprung in die Erwachsenenwelt, von der sie sich durch ihren Ehemann ferngehalten fühlt. Jeanne und Ira verwickeln sich in Missverständnisse und landen am Ende, fast ohne es zu wollen, in einem neuen Leben. Der Autor und Irina brechen ihre Kommunikation ab. Nach den literarischen Selbststilisierungen wenden sie sich - so suggeriert es das letzte Fax - den echten Liebesgeschichten zu.

Ohne das Fax-Geplänkel wäre "Irinas Buch der leichtfertigen Liebe" ein eher belangloser Text über die Beziehungsgewohnheiten der 30-Jährigen, der außerdem zwei, drei poetische Spaziergänge durch Moskau und Paris zu bieten hat und Erinnerungen an Eric-Rohmer-Filme wach ruft. Der Reiz des Romans steckt in dem Spiel mit den verschiedenen Ebenen, die sich manchmal parallel, manchmal gegenläufig entwickeln. Überhaupt sind Spiegelungen und Projektionen nicht nur das Konstruktionsprinzip, sondern auch das Thema des Romans. Der Verfasser Tim spiegelt seine neue Freundin in der Heldin Dunja-Jeanne, sie ist zugleich das Identifikationsobjekt der Schwedin Ewa, die ihre Sehnsüchte in die Frau ihres Ex-Freundes hinein projiziert. Plötzlich taucht ein fremder Mensch auf und entzündet Wünsche, Hoffnungen, Phantasien. Die Liebe ist ein Spiel, und das Sprechen darüber wird hier als ein Spiel inszeniert. Während die Behandlung der unerschöpflichen Liebesthematik mit all ihren Höhenflügen und Fußangeln an Marivaux-Dramen erinnert, lassen die Inszenierung des Erzählens und die Verflechtung der doppelten Ebenen an französische und italienische Schriftsteller der Neoavantgarde denken. Italo Calvino kommt einem in den Sinn, der in "Wenn ein Reisender in einer Winternacht" einen kommentierenden Leser erfindet und gleich in mehrere Handlungsstränge einbindet.

Bei Tim Krohn bleiben Kommentar und Handlung hübsch voneinander getrennt, abgesetzt durch Vakantseiten, die Faxe überschrieben mit Datum und Uhrzeit, ganz wie es sich gehört. Dennoch wird rasch klar, dass Dunja-Jeanne so ist, wie sich der Autor seine Irina vorstellt. Der kapriziösen jungen Frau mit der russisch-französischen Doppelidentität wird der meiste Platz eingeräumt. Man erlebt sie wechselweise von außen und innen, ihre Selbstwahrnehmung wird ergänzt durch ausführliche Beschreibungen aus Iras und Ewas Perspektive.

Von der gespaltenen russisch-französischen Seele vollkommen geblendet, wagt sich der verliebte Autor an manchen Stellen allzu weit vor und produziert Klischees: "Die Jahre nach ihrem gemeinsamen Umzug nach Paris, ihr Leben zwischen achtundzwanzig und dreißig, waren eine Phase, in der sie es ausgesprochen genoss, eine Frau zu sein. Sie lernte ihren Körper neu zu sehen, auf seine Launen und Zyklen zu achten und sie zu lieben. Sie genoss es, ihre Glieder zu bewegen, sie fühlten sich anders an als früher, sie lernte - mochte Ira spotten, soviel er wollte -, sich bewusst zu spüren. Sie genoss die Ruhe, die sie allmählich gewann, das Gefühl, geerdet zu sein ..." Dann ist der Sahnebaiser plötzlich nur noch pappiger Eischnee und lähmt dem Leser die Zunge.

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