Kultur : Wahn & Sinn

Zum Auftakt des Kunstfests Weimar: „Irrlichter“ – und ein Konzert über Buchenwald

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Natürlich wollte sie gerne die Bayreuther Festspiele übernehmen. Doch der Patriarch Wolfgang Wagner wusste zu verhindern, dass seine Nichte Nike den Grünen Hügel entert. Schließlich hatte er eine Erbfolge in direkter dynastischer Linie geplant. So griff die Literatur-, Theater- und Musikwissenschaftlerin, die als klügster Kopf des Wagner-Clans gilt, beherzt zu, als man ihr 2004 die Leitung des Weimarer Kunstfestes anbot. Die Brötchen, die Nike Wagner dort backen kann, sind deutlich kleiner als jene in Franken. Stadt, Land und die Kulturstiftung des Bundes stellen für das dreiwöchige Festival im Spätsommer insgesamt 1,2 Millionen Euro zur Verfügung, 27 Prozent des Budgets wird durch Ticketverkäufe erwirtschaftet. Aber das Kunstfest Weimar hat sich als feste Größe im Kulturkalender etabliert, die geistreich geknüpften Themennetze Nike Wagners werden in der Szene bewundert.

Während in Bayreuth Wolfgangs ungleiche Töchter Katharina und Eva versuchen, miteinander und mit der konservativen Wagner-Gemeinde klarzukommen, ringt Nike Wagner in Weimar mit den Nöten der Provinz. Weil ihr das örtliche Nationaltheater als Aufführungsort nicht zu Verfügung steht, musste sie sich für ihr Programm-Highlight einen externen Kooperationspartner suchen: Die einzige Deutschland-Station auf der Abschiedstournee der Merce-Cunningham-Tanzcompagnie findet nun 25 Kilometer entfernt im Theater Erfurt statt – ausgerechnet beim Erzkonkurrenten! Prompt legte das Nationaltheater sein Publikumsfest auf den gestrigen Sonntag, just jenen Tag, an dem auch Nike Wagner die Weimarer zu einem Freiluft-Volksvergnügen eingeladen hatte. Kleingeistigkeiten in der Klassikerstadt.

Nicht allein den zungenbrecherischen französischen Titel des Kunstfestes „pèlerinages“ (Pilgerfahrten), sondern auch ihr jeweiliges Jahresmotto findet Nike Wagner stets bei Franz Liszt. Ein doppelsinniger Kunstgriff, denn der komponierende Klaviervirtuose war nicht nur Richard Wagners Schwiegervater, sondern machte als Musikchef des Hoftheaters die Stadt ab 1842 auch zu einem Ort der Avantgarde. „Irrlichter“ (die fünfte der „Etudes d’exécution transcendente“) geben den Weg vor, der von den „art brut“-Malern aus dem „Zentrum für Kunst- und Psychotherapie“ in Gugging über den virtuosen Perkussionisten Martin Grubinger bis hin zu einem Konzert mit Wahnsinnsarien führt. Mit Musik und Bildender Kunst, Tanz, Film und Literatur werden fast alle Genres gestreift, und bei der Auswahl ihrer Gäste setzt Nike Wagner auf Intellektualität: Also sind die Geschwister Carolin und Jörg Widmann artists in residence, also kommt Sylvain Cambreling mit dem SWR Orchester, Pianisten-Philosoph Valery Afanassiev ist dabei, Dietrich Henschel singt Rihm, Schubert und Schönberg, Thomas Thieme liest die „Winterreise“ und Angela Winkler Poetisches zur Nacht.

Die wichtigste Veranstaltung aber ist für Nike Wagner die allererste, das „Gedächtnis Buchenwald“, ein Konzert, mit dem der Opfer des Weimarer Konzentrationslagers gedacht wird. Ivan Ivanji, Jahrgang 1929, berichtete zu Beginn von seinem Mithäftling Fritz Löhner-Beda, dem Librettisten des „Land des Lächelns“, der totgeprügelt wurde, nachdem ein IG-Farben-Boss im Vorübergehen gesagt hatte: „Die Judensau könnte auch schneller arbeiten.“ Welche Musik soll man nach solchen Worten spielen? Bernd Alois Zimmermanns 1970 geschriebene, wütende Kantate „Ich wandte mich und sah an alles Unrecht, das geschah unter der Sonne“ war gut gedacht und von der Weimarer Staatskapelle unter Michael Boder auch gut gemacht.

Stärker aber als die Politkunst berührte anschließend das Adagio aus Anton Bruckners 9. Sinfonie. Die berühmte, nach den Regeln des traditionellen Tonsatzes nicht mehr aufzulösende Siebenklang-Dissonanz, in der das Stück kulminiert, peitschte als Explosion durch die Weimarhalle, akustisch wie zeitlich maximal ausgereizt – der Zusammenbruch eines harmonischen Systems, das sich auch durch den versöhnlichen Schluss nicht mehr kitten lässt.

Bis 12. September. Infos im Netz unter www.kunstfest-weimar.de

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