Kultur : Wahn und Sinn

Letzte Aphorismen von Sigmar Schollak.

Volker Sielaff

Für in der DDR Aufgewachsene der mittleren Generation mögen die Titel einiger seiner Kinderbücher frühe Leseerfahrungen wachrufen. Was man als Kind der siebziger Jahre allerdings nicht wissen konnte: dass Bücher wie „Der Davidsbündler“ oder „Sturm auf Harpers Ferry“ für den 1930 in Berlin geborenen Sigmar Schollak die Früchte eines nicht ganz freiwillig eingeschlagenen Weges waren. Bevor er begann, hauptsächlich Kinderbücher zu schreiben, waren zwei seiner Manuskripte nämlich von den DDR-Behörden als nicht veröffentlichungswürdig eingestuft worden. Und wer nicht veröffentlichen durfte, dem blieb oft nur die Möglichkeit, es mit Kinderbüchern oder Krimis zu versuchen. Oder in den Westen zu gehen, was Schollak später auch tat. Die ersten zehn Jahre seines Schreiberlebens aber blieb er beim Kinderbuchverlag, und wie etwa zur selben Zeit Hannes Hegen, der Zeichner der Comic-Zeitschrift „Mosaik“, seine Helden zu Abenteuern nach Amerika schickte, so wandte sich auch Schollak der Neuen Welt zu und schrieb über John Brown oder die Sklavenaufstände Mitte des 19. Jahrhunderts in West-Virginia.

1980 stellte Schollak einen Ausreiseantrag. Zwei lange Jahre später durfte er endlich in den Westen. Vom Deutschen Literaturfonds erhielt er ein Stipendium und begann, für Zeitungen und Rundfunk zu schreiben. „Irgendwann, ich weiß nicht in welchem Jahr“, schrieb sein Freund, der Schriftsteller Günter Kunert in einem Nachruf auf den 2012 Verstorbenen in dieser Zeitung, habe Schollak dann begonnen, Aphorismen zu schreiben und damit seine „ihm gemäße Ausdrucksweise gefunden: witzig und aggressiv, komisch und bedenklich in einem“.

Unter dem Titel „Verkenne dich selbst!" ist jetzt ein noch vom Autor zusammengestellter Band mit „Neuen Aphorismen“ erschienen, in dem, von wenigen Banalitäten abgesehen, die scharfe kritische Intelligenz ihres Verfassers aufscheint. Ob die „von den Gewaltherrschern des 20. Jahrhunderts geschaffenen Leichenberge“ höher wären als die des vorangegangenen Jahrhunderts, fragt Schollak und hält es für möglich, die Frage könne „irgendwann als Preisfrage in einer Quizrunde unserer Fernsehanstalten auftauchen“. Verzweifelt möchte man da mit ihm ausrufen: „Schade, dass manch Ende erst am Ende stattfindet.“ Es schimmert viel Abgeklärtheit durch diese letzten Zeilen eines Autors, dessen umfangreicheren Büchern – genannt sei sein 1995 erschienener Roman „Kallosch“ – zu wenig Aufmerksamkeit zuteil wurde. Gern öffnete er mit Gästen eine Flasche Wein, um den Wahnsinn der Welt („Der Wahn vom Sinn“) nicht zu nah an sich heranzulassen. Ein fröhlicher Geselle, der gern lachte, sei er gewesen, so Günter Kunert. Und wenn es einmal besonders viele Gäste in Schollaks Haus wurden, konnte es, wie wir in einem seiner hintersinnigen Aphorismen jetzt nachlesen können, auch schon einmal „eine Flasche aus Kanaan“ sein. Volker Sielaff

Sigmar Schollak: Verkenne dich selbst! Neue Aphrismen.

Mit Radierungen

und einem Vorwort von Günter Kunert.

Donat Verlag,

Bremen 2013.

72 Seiten, 10 €.

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