Kultur : Wahnsinnig witzig

SUSANNA NIEDER

Waren das noch Zeiten, als man den passenden Bösewicht immer griffbereit hatte! Der Feind saß im Osten und fletschte gelegentlich die schartigen Zähne hinter dem Eisernen Vorhang hervor, da mußte nichts groß erklärt werden. Auch der Nazi mit der Nackenstütze, der Handprothese und dem polierten Schädel war ein einfacher Geselle.Das ist jetzt nicht mehr so. Der Iwan hat seine Schuldigkeit getan, und auch der Nazi ist - außer vielleicht bei den Engländern - in der Rumpelkammer gelandet. Da er die letzte verbliebene Alternative - die Außerirdischen - bereits in seinem Blockbuster "Men In Black" bemüht hatte, begab sich Regisseur Barry Sonnenfeld diesmal in die andere Richtung. Nicht im Osten spielt sein neuer Film, sondern im Westen; nicht in die Zukunft führt er, sondern in die Vergangenheit."Wild Wild West" spielt kurz nach dem amerikanischen Sezessionskrieg. Der Feind (Kenneth Branagh) repräsentiert die rückwärtsgewandten Südstaaten und ist nicht weniger verkrüppelt, böse und von wahnsinniger Intelligenz besessen als seine Vorgänger. Das Gute wird verkörpert von zwei Geheimagenten (Will Smith und Kevin Kline), die sich zwar nicht mögen, aber gemeinsam im Auftrag des Präsidenten Abraham Lincoln handeln. Sein beträchtliches technisches Potential bezieht der Film daraus, daß die Geschichte im Zeitalter der Erfindungen spielt. Also keine Raumschiffe und gigantischen Ballermänner diesmal, sondern Konstruktionen, die wirken wie der Eiffelturm auf Stelzen, aber den gleichen Vernichtungseffekt haben. Der Zuschauer hat ein Recht auf seinen Bodycount.Das komische Potential sollte eigentlich in den drei hervorragenden Hauptdarstellern, den vorprogrammierten Konflikten, schnellen Dialogen und witzigen Regieeinfällen liegen, doch anstelle des Feuerwerks pupst ein Rohrkrepierer nach dem anderen daher. Sonnenfeld benutzt sattsam bekannte Schablonen, ohne allerdings mit ihnen zu spielen und bleibt folgerichtig mitsamt seiner aufwendigen Maschinerie darin stecken. Die Frauen, ob schnurrende Miezekätzchen oder bezopfte Brünnhilden, bestehen hauptsächlich aus primären Schlüsselreizen, die wahnsinnigen Erfinder erfinden wahnsinniges Zeug, der Präsident ist ein Bild der Tugend, der Feind arbeitet mit konservativen europäischen Mächten zusammen und so weiter. Eine innere Logik sucht man erst gar nicht, jede Wendung ist nur durchsichtiger Aufhänger für die nächste technische Spielerei. Das Ganze ist so vorhersehbar und antiquiert, daß es vermutlich bald wieder da verschwindet, wo es herkommt. In der Rumpelkammer.

In Berlin in 26 Kinos, OV im Cinemaxx Potsdamer Platz und in der Kurbel

0 Kommentare

Neuester Kommentar