Kultur : Wahre Liebe eifert nicht

Acht Irrtümer oder Warum wir in Deutschland keine Patriotismusdebatte mehr brauchen

Harald Martenstein

Vielleicht sollte man bei Gelegenheit versuchen, mit einigen Irrtümern aufzuräumen. Erster Irrtum: Es gibt Bedarf an einer Patriotismusdebatte.

Seit Jahrzehnten werden in Deutschland unendlich viele Hitlerdebatten und Patriotismusdebatten geführt, und zwar immer abwechselnd: Hitler, Patriotismus, Hitler, Patriotismus, streng nach dem Reißverschlussprinzip. Diese rhythmische Debattengymnastik ist doch Teil unserer Leitkultur! Nachdem es anlässlich eines Eichingerfilms im Sommer zu der bisher jüngsten Hitlerdebatte gekommen war, musste im Winter natürlich wieder eine Patriotismusdebatte folgen. Im Frühling, zum 8. Mai 2005, wartet bereits die nächste Hitlerdebatte. Die Argumente sind übrigens immer in etwa die gleichen.

Zweiter Irrtum: Es gibt deutsche Werte. Edmund Stoiber fordert, jeder, der in Deutschland lebe, müsse die hier geltenden Werte respektieren und anerkennen. Es ist aber furchtbar schwer, Werte zu finden, auf die alle Deutschen sich einigen können. Ein katholischer Bergbauer im Allgäu und eine Freakfrau in Friedrichshain haben extrem unterschiedliche Wertvorstellungen, und sie haben sogar das Recht dazu. Die Werte, die Stoiber vielleicht meint, Freiheit, Toleranz, Frauenrechte und so weiter, sind nicht spezifisch deutsch, sondern Gemeingut der Demokratien.

Zu den Kennzeichen einer Demokratie gehört es aber, dass man sie nicht lieben muss, um in ihr leben zu dürfen. Ein demokratischer Staat kann seine Bürger auf die Einhaltung der Gesetze und der Verfassung verpflichten, aber wohl kaum auf etwas so Nebulöses wie „Werte“ oder „Respekt“ vor irgendetwas. Ein paar Werte werden ja von der Verfassung geschützt, das reicht. In die Köpfe will und soll ein demokratischer Staat nämlich nicht hineinschauen. Solange ich die Gesetze einhalte und niemandem etwas tue, darf ich verachten, wen ich will.

Dritter Irrtum: Es gibt eine Alternative zur multikulturellen Gesellschaft. In allen Gegenden der Welt werden Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen zusammenleben müssen, mehr und mehr, denn unsere Welt ist klein geworden und funktioniert arbeitsteilig. Die Menschen werden sich in ihrer Lebensweise annähern, aber sie werden trotzdem verschieden bleiben. Wer aus einer türkischen Familie stammt, die deutschen Gesetze und die Rechte der Frauen achtet, wird trotzdem immer noch kulturell anders sein als der Spross einer mecklenburgischen Fischerdynastie.

Wenn die Führer von CDU und CSU verantwortungsbewusste Patrioten wären, würden sie diese Tatsache ihren Anhängern klarmachen. Es führt kein Weg zurück in ein einheitliches Leitkulturdeutschland, das es in dieser zipfelmützig-romantischen Weise sowieso nie gegeben hat. So, wie man strenge Muslime dazu zwingen darf, mit den Zwangsverheiratungen Schluss zu machen, genauso muss man natürlich ostdeutsche Neonazis dazu zwingen, dunkelhäutige Gesichter in ihren Städten zu akzeptieren. Wer immer nur die muslimischen Hassprediger anprangert und nie ein Wort über die deutschen Hassprediger verliert, der ist kein Patriot, sondern ein Demagoge.

Vierter Irrtum: Die CDU liebt Deutschland. Die Bundestagswahlen sind noch weit weg, aber die Politiker haben kein richtiges Thema mehr. Neue Reformprojekte stehen erst einmal nicht an, erst nach den Wahlen wieder. Deswegen setzt die CDU jetzt auf Patriotismus und Anti-Multikulti. Es ist nur eine Art Pausenfüller und ein Mittel zum Zweck. Wahre Liebe, so heißt es übrigens in der Bibel, eifert nicht.

Fünfter Irrtum: Wie haben hier bei uns eine christlich-jüdische Kultur. Die Deutschen sind ethnisch und religiös ein gemischtes Volk, ihre Kultur besteht aus vielen Schichten, wie eine Zwiebel. Neben Christentum und Judentum haben Liberalismus, Sozialismus und Sozialdemokratie in allen gesellschaftlichen Lagern tiefe Schleifspuren hinterlassen. Unsere Kultur ist wahrscheinlich stärker amerikanisch geprägt als jede andere in Europa, bis auf den Sonderfall Großbritannien. Wer tiefer gräbt, findet das Preußentum und die Römer, vor allem aber die Ideen der Aufklärung. Mindestens ein Drittel der Deutschen, in den Städten deutlich mehr, sind areligiös und trotzdem deutsch. Und es gibt seit vielen Jahren eine verfassungs- und gesetzestreue deutsch-muslimische Minderheit, gehören die etwa nicht dazu?

Sechster Irrtum: Araber und Türken sind das Gleiche. Bin Laden, Al Quaida, der Mord an Theo van Gogh, die Blutjustiz der Scharia, der Terror im Irak, all dies sind hauptsächlich Phänomene des arabischen Islam, oder das Werk arabischer Täter. Auch bei Leuten aus Arabien muss man sich selbstverständlich vor Pauschalisierungen hüten. Die Türken aber haben ein Recht darauf, dass man sie vor Verwechslungen in Schutz nimmt. Ihr Land sieht schon etwas anders aus als Saudi-Arabien. Es gibt bei den deutschen Türken ein Ghettobildungsproblem, ein Sprachproblem, ein Kriminalitätsproblem, aber kein nennenswertes Terrorismusproblem. Viel gefährlicher ist hierzulande der rechtsradikale Terrorismus gegen alle Andersartigen.

Wer heute nach Istanbul fährt, sieht dort paradoxerweise eine modernere Türkei, als sie in den selbst gewählten Ghettos deutscher Großstädte zu finden ist. Der Kern dieses deutschtürkischen Problems heißt: mangelnde Bildung. Fast alles andere folgt daraus – der manchmal aggressive Traditionalismus, der Sexismus, die Arbeitslosigkeit, das Ghetto. Wer wirklich zur Entspannung der Lage beitragen möchte, muss etwas für die Bildung der deutschen Türken und aller anderen Muslime tun. Das nützt mehr als abstraktes Leitkulturgerede.

Siebter Irrtum: Patriotismus ist in Deutschland ein Tabuthema, nur etwas für Rechte. Bekennende Patrioten hießen Bert Brecht und Willy Brandt. Deutschland vertritt in der Welt selbstbewusst seine Interessen, es ist schön und hat liebenswerte Seiten. Patriotismus ist aber dann abzulehnen, wenn das Bekenntnis zum eigenen Land ein Mäntelchen ist, unter dem sich die Ablehnung des Fremden versteckt. Wenn Konservative ihren Patriotismus beschwören, folgt meist im nächsten Satz eine Abschottungsfantasie. Deutschland ist aber kein exklusiver Klub, sondern ein offenes Haus. Menschen gehen hinein oder hinaus, siedeln sich an, bekommen Kinder, passen sich ein bisschen an, und wenn das Land gut zu ihnen ist, lieben sie es irgendwann. So ideal läuft es natürlich nicht immer. Aber so sollte es laufen. Leider hat Deutschland den Gästen, die zu ihm kommen, nie eindeutig gesagt, was es von ihnen eigentlich erwartet. Die Arbeit erledigen, das Geld nehmen und schnell wieder abhauen? Sich unauffällig verkriechen und die Klappe halten? Oder dableiben und gleichberechtigt dazugehören?

Achter Irrtum: Es ist zu einfach, ein Deutscher zu werden. Wer die deutsche Staatsangehörigkeit erwerben möchte, muss ein Bekenntnis zur demokratischen Grundordnung unterschreiben. Wenn diese Person durch antidemokratisches Verhalten auffällt, kann ihr die Staatsbürgerschaft wieder aberkannt werden – heute, auf der Basis des geltenden Rechts. Edmund Stoiber und seine politischen Freunde fordern nun, dass bei Einbürgerungen zusätzlich ein Eid auf die Verfassung geleistet wird. Das heißt: Wer als neuer Deutscher gegen eine Regel der Verfassung verstößt, könnte, anders als seine hierzulande geborenen Mitbürger, zusätzlich wegen Meineids verfolgt und eingesperrt werden. Es gäbe dann zweierlei Recht, Deutsche erster und zweiter Klasse, die deutschblütigen und die fremdblütigen. Das ist genau der Patriotismus, den Deutschland nicht braucht.

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