Kultur : Wahre Wunder

„Sie sind ja wirklich eine verdammte Krähe!“: Interviews und Porträts von André Müller.

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Jetzt, da einige Fernsehtalkshows Sommerpause haben, ist André Müller genau die richtige Lektüre. Wir sehen, wir lesen hier, was der Unterschied ist: zwischen abwechselndem Gerede und einem wechselseitigen, spannungsvoll schürfenden Gespräch. Der nach dem Zweiten Weltkrieg in Michendorf bei Berlin als Sohn eines französischen Soldaten und einer Österreicherin geborene, in Wien dann als Österreicher aufgewachsene Müller war wie sein literarisches Vorbild Thomas Bernhard ursprünglich Gerichtsreporter. Daher vielleicht der unermüdliche Drang, bei sich und anderen die Gründe für mögliche Abgründe zu finden. Bis 1975 arbeitete Müller noch als Feuilletonjournalist der Münchner „Abendzeitung“. Da aber war seine Spezialität bereits das Interview, das er zur psychoanalytisch-literarischen Kunstform entwickelt hat. Der Begriff Zeitungsschriftsteller, den Peter Handke einmal erfunden hat, er trifft ganz besonders auf Müller zu, dessen Gespräche in der „Zeit“, im „Stern“, in der Schweizer „Weltwoche“ oder auch im „Playboy“ erschienen sind.

Von Peter Handke könnte auch der Ausruf stammen, der Müllers nachgelassenem Band „Sie sind ja wirklich eine verdammte Krähe!“ den Titel gegeben hat. Denn das Vogelleichte, oft ungemein Komische gehört zugleich mit dem Schwermütigen, Eingedunkelten zu Müllers Markenzeichen. Seine Hellsicht war im Zweifel immer auch Schwarzsicht, und Müllers unerbittliches Nachha(c)ken gehörte für die Interviewten zur eigenen Herausforderung.

Vor gut einem Jahr ist André Müller einem zu spät erkannten Krebs erlegen. Seine hier versammelten „Letzten Gespräche und Begegnungen“ ergeben posthum nun eines der großen Bücher der neueren deutschen Literatur. Müllers Texte sind tatsächlich geschriebene (nicht nur ab- und aufgeschriebene) Gesprächsdialoge, die formal jeweils einem traurig witzig verrückten Dramolett gleichen, Stück für Stück aber zu einer Erzählung mit wechselnden Rollen werden. Zu einer Erzählung von: Liebe, Tod, Eifer, Sucht und Angst. Auch von Lebensfreude und Überlebensmut, wenn die Gesprächspartner ihrem mitfühlenden Inquisitor mit eigenem Charme widerstehen.

Müller spricht mit Handke, Jonathan Littell, Elfriede Jelinek, Salman Rushdie Günter Grass oder Michel Houellebecq. Auch mit dem Maler Gerhard Richter, mit den Regisseuren Luc Bondy oder Ingmar Bergman (in einem Porträt). Das allein sind schon glänzende Gespräche über Kunst und Leben. Elfriede Jelinek, die dazu auch ein kluges, schönes Vorwort geschrieben hat, gesteht ihrem insistenten Befrager: „Ich bin ein sehr warmherziger und liebesfähiger Mensch, aber darüber schreibe ich nicht. Ich schreibe über das Zerstörerische.“ Denn: „Wer macht die Drecksarbeit? Ich räume den Gefühlsdreck weg. Ich bin in der Literatur die Trümmerfrau, die Frau mit dem Mülleimer. Ich bin die Liebesmüllabfuhr.“

In einem hochpolitischen, dramatischen Dialog, in dem sich Salman Rushdie seit den Todesdrohungen der iranischen Ayatollahs so weit öffnet wie gegenüber keinem anderen Interviewer, bekennt der aufgeklärte Atheist: „Die Liebe ist wichtiger als die Religion.“

Müller stellt oft gar keine Fragen, sondern konfrontiert sein genau beobachtetes Gegenüber mit provozierenden Aussagen, die sich auf glänzende Vorbereitung, biografische Intimkenntnis, spontane Geistesgegenwart und brillante Bildung und Fantasie stützen. Stellt er doch Fragen, dann will Müller von den Prominenten und Erfolgreichen erst mal wissen, warum sie sich noch nicht umgebracht haben, was sie beim Gedanken an Tod oder Selbstmord empfinden, ob sie überhaupt liebesfähig sind und was sie in ihrem sonst verborgenen Innersten umtreibt. Müller ist immer ein Investigator, ein Seelendetektiv, eine den Gesprächspartner lockende, verführende und gelegentlich auch mit Hartnäckigkeit verfolgende Mischung aus Nervensäge und Enthüllungsgenie.

So spricht er mit der (ehemaligen) Pornodarstellerin und Produzentin Dolly Buster über Buddhismus und Orgasmus, mit derselben Insistenz entblößt er den coolen Karl Lagerfeld und scheut nicht mal die Frage, ob der angeblich über der Sexualität schwebende Modezar nicht immerhin onaniere. Am Ende meint Lagerfeld: „Vielleicht ist die Maske zu meinem wahren Gesicht geworden.“

Das alles kommt freilich nicht bedeutungsvoll prätentiös daher, es wirkt bei Müller auch nicht wirklich indiskret, sondern immer nur: unerbittlich menschlich. Oder es kriegt ganz schnell auch die Kurve zur Selbsterkenntnis, die ein raffinierter Autor wie Michel Houellebcq eigentlich verachtet. In diesem Zoo der wilden, naturgemäß eitlen Tiere tritt auch der frühere Fußballnationaltorwart Toni Schumacher auf – und wirkt erstaunlich formulierungsstark: „Ich bin das Raubtier, der Ball ist die Beute.“ Oder das: „Im Spitzensport wird man nicht durch Liebe, sondern durch Hass kreativ.“ Ob er, der Erfolgreiche, glücklich sei? Die kurze Antwort: „Nein.“

Gleich, wen Müller trifft (am Ende ist es die damals 95-jährige Leni Riefenstahl), es sind letztlich immer Künstlergespräche. Und in Müllers Verdichtung auch Kunstgespräche. Wobei seine Gesprächspartner wussten (und riskierten), dass er keine Autorisierung und spätere Abschwächung des Gesagten vor der Publikation mehr zuließ. Manchen Auftraggebern war diese Methode selber zu riskant, und lange Jahre war Müllers Karriere nur möglich, weil der frühere „Zeit“-Redakteur Benjamin Henrichs enthusiastisch und unerschrocken zu ihm hielt.

Ein spätes Gespräch mit Christoph Schlingensief wurde dann nur ein kurzer rasender Monolog des Todgeweihten, und André Müller schrieb mit dem Blick auf den anderen über die Scham des Gesunden und Überlebenden. Nicht wissend, dass der Krebs auch in ihm schon wuchs. Ein Finale, wahr und wunderlich.

André Müller: Sie sind ja wirklich eine verdammte Krähe! Letzte Gespräche und Begegnungen. Vorwort von Elfriede Jelinek. Verlag Langen/Müller, München 2012,

368 Seiten, 19,99€

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