Kultur : Wahrheit in Tropfen

Im Glaslabyrinth: Heute eröffnet in Marbach das neue Literaturmuseum

Stefan Kister

Die Schillerhöhe in Marbach. Ein weiter Blick über die schwäbische Provinz. Lieblich verschlafenes Einerlei: ein wenig Idylle, ein wenig mittelständisch zersiedelte Landschaftsprosa. Unten fließt der Neckar, Verkehr strömt, in der Ferne steht ein Schlot. Schöner Augenschein einer Welt von heute. Wer mehr über sie erfahren möchte, muss in die Tiefe gehen. Am Schnittpunkt von Oberfläche und Tiefe hat Literatur ihren Ort. Und wenn es dafür eine räumliche Entsprechung gibt, so ist es das Marbacher Archiv. Der literarische Untergrund des Lebens lagert hier in unzähligen Schubern auf 14 000 Quadratmetern. Marbach, Gedächtnisstollen und zugleich lebendiges Bergwerk der Erinnerung. Legendär sind die Ausstellungen, die Kostbarkeiten aus dem Dunkel der Magazine ans Licht fördern und Maßstäbe setzen für die heikle Aufgabe, wie dem Lesewert von Texten ein Schauwert abzugewinnen sei – zuletzt mit einer eindrucksvollen Sichtung von Arno Schmidts Zettelkastenimperium.

Vom Dunkel ans Licht? Es geht auch anders. Genau hieraus bezieht das neue Literaturmuseum der Moderne, das heute von Bundespräsident Horst Köhler eröffnet wird, eine Wirkung, die der Einzigartigkeit dieser Institution entspricht. Was hier präsentiert wird, sind keine didaktisch aufbereiteten Kanon-Präziosen, es ist der Geist und das fruchtbare Chaos des Archivs. Die Eröffnung einer Reise zum verborgenen Mittelpunkt der Welt, die bekanntlich die Dichter stiften. Der filigrane, 11,8 Millionen teure Bau der Architekten Chipperfield und Schwarz mit seinen schlanken Sichtbetonsäulen, halb Tempel, halb Lichtlaterne, ist der wohl schönste Zugangsschacht, der je Oberwelt und Unterwelt miteinander verbunden hat.

„Nexus“ heißt folgerichtig der größte der drei fensterlosen Ausstellungsräume, die durch ihre Wandverkleidung aus edlem dunklen Ipe-Holz an babylonische Grabkammern erinnern. Warum nicht? Bergen sie doch die Trümmer und Reste der versammelten Elfenbeinturmprojekte des 20. Jahrhunderts. Buchstaben, wohin das Auge sieht. Leise klappert der Zufall im Vorbeigehen auf der Anzeigetafel von Hans Magnus Enzensbergers Poesieautomat Nonsens-Menetekel an die Wand: „Tropfenweise Halbheiten in den Betten. Dieser typische Todeswunsch vor der Pleite.“ Buchstaben regnen auch wenige Schritte weiter in dem „Stilus“ benannten Saal über die Flächen eines kabaartigen Raumgebildes herab. Man kann sie fangen, und wie von Geisterhand erscheint ein Text, an dem die vom Besucher mitgeführte mobile Multimedia-Wunderkiste – der so genannte M3 – eine exemplarische Analyse vollzieht. Hightech-Initiation in die Geheimnisse der ehemals mit dem Griffel – stilus – geübten Kunst des Schreibens. Und zugleich Konsequenz aus der von der Direktorin des Literaturmuseums Heike Gfrereis überraschend formulierten Erkenntnis: „Literatur selbst lässt sich eigentlich gar nicht zeigen.“

Die neue Dauerausstellung im Herzstück des Gebäudes gibt darauf eine in ihrer Radikalität atemberaubende Antwort. Ein riesiger dämmerdunkler Saal. Kühl, aus konservatorischen Gründen. Darin nichts als lange Reihen gleißender, übermannshoher Glaskästen. Keine Hinweistafeln, keine kommentierenden Texte. Dafür ein wildes Gewimmel von Einzelheiten: Autografen, Typoskripte, unleserliches Gekritzel, penible Kalligrafien, Bücher, gebraucht, vergilbt, verbrannt, Einbände, Briefumschläge, Päckchen, Postkarten, Fotos, Röntgenbilder, Bronzehände, Haare, Gipsköpfe, nackte Brüste, herzförmige Notizzettel, Pistolen, Füllfederhalter. Insgesamt an die 1400 Exponate mit nichts als Namen und Jahreszahl versehen. Eine Zumutung – und eine sinnliche Erfahrung, wie man sie von einer Literaturausstellung nicht erwartet hat. Ein Raum wie eine Groß-Installation, das 20. Jahrhundert als Glaslabyrinth, in dem sich Zeit sedimentiert hat: vielschichtig und vielansichtig.

Um die stummen Realien in ihren Schneewittchensärgen zum Sprechen zu bringen, könnte man nun den M3 zu Rate ziehen. Doch es ist durchaus legitim, auch den unerwarteten Korrespondenzen zu folgen, die sich aus der aufsässigen Nachbarschaft der Dinge selbst ergeben. Da liegt ein Abdruck von Gerhart Hauptmanns vierschrötiger Hand auf der Geistesmaske Stefan Georges, da blickt von einem Ludwig-Thoma-Band ein Kälbchen auf die Erstausgabe von Kafkas „Verwandlung“, und zwischendrin, unvermittelt ein Satz wie: „Jemand musste Josef K. verläumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte wurde er eines Morgens gefangen.“ Das letzte Wort durchgestrichen und durch „verhaftet“ ersetzt. Nicht allzu weit davon entfernt ein halbverbranntes Buch aus einer Leihbibliothek, Kiel 1933. Die letzten Vitrinen sind leer. Der Prozess, der hier verhandelt wird, ist noch nicht zu Ende.

Ganz hinten „Abfall für alle“ von Rainald Goetz, wie eine ironische Paraphrase auf das gesamte Unternehmen. Der Museumsbesuch als Recherche mit offenem Ausgang – mutiger hätte das unerschöpfliche Inspirationspotenzial dieses Archivs kaum mitgeteilt werden können.

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