Kultur : "Wahrzeit": Wo sich die Worte kreuzen

Ronald Berg

Das Fenster im Alten Rathaus funktioniert neuerdings wie ein Kreuzworträtsel und verschränkt die Wörter "Fortuna Rückblick Zeit wahr wird" in horizontaler und vertikaler Richtung. Es stammt von der Berliner Künstlerin Annibel Cunoldi. "Wahrzeit" hat sie ihre Installation genannt. Sie befindet sich genau vis à vis vom Fortunaportal des verschwunden geglaubten Stadtschlosses, das derzeit wiederaufgebaut wird. Die seit 1990 in Berlin lebende Italienerin hat den Umbruch in den deutschen Verhältnissen seit der Wende zu ihrem bevorzugten Thema gemacht. Sie interessiert die Zweideutigkeit des Prozesses: Wird da etwas aufgebaut oder ausgelöscht? Mehr Fragen als Antworten liefern auch ihre anderen im Alten Rathaus ausgestellten Arbeiten.

Im metallenen Kreuzwortgitter, das über ein Baustellenfoto vom Potsdamer Platz gelegt ist, kreuzt sich das Wort "Zeitlos" im Buchstaben "e" mit dem Wort "Weg". Daneben bleiben Freiräume. Diese Freiräume waren auch bezeichnend für die Zeit zwischen dem Ende des Alten und dem Beginn des Neuen, zwischen "Westberlin", DDR und Berliner Republik. Nun schwinden sie. Was bleibt, sind die Insignien der Macht. In ihrer Arbeit "Römische Spur" , einer runden Fotocollage, ist sie ihnen gefolgt. Der Reichsadler des antiken Roms taucht am Aachener Dom wieder auf; als nächstes steht er für die deutsche Reichsidee, im Giebelfeld des alten Kaiserbahnhofs in Potsdam verbindet sich das Wappentier mit dem Monarchen. Was gegenwärtig passiert, hat häufig historische Parallelen. Um die Wahrnehmung auf solche "Zeitverschiebungen" einzustellen, hat Cunoldi im Millenniumsjahr verschiedene Zeitrechnungen nebeneinander gestellt. Die jeweiligen Jahreszahlen prangen nun auf einer Reihe von Blechgehäusen, die Türschlössern ähneln. Das Jahr 5761 im hebräischen oder das Jahr 4698 im chinesischen Kalender mögen der Schlüssel sein, mit dem sich die auf Jahrtausendwende fixierten Gedanken öffnen lassen.

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