Waldschlösschenbrücke : "Demokratie, Stasi, Fledermaus-Spinner"

Tapfer stellt sich ein junger Mann am Dresdner Elbufer dem Bagger entgegen - bald darauf ist die Polizei zur Stelle und ein heißer Disput entwickelt sich. Claus-Dieter Steyer über den Baubeginn an der umstrittenen Waldschlösschenbrücke.

Waldschlösschenbrücke Foto: Steyer
Ein wackeres Häuflein demonstrierte bei Baubeginn in Dresden. -Foto: Steyer

DresdenTapfer stellt sich ein junger Mann am Dresdner Elbufer gestern Morgen dem Bagger in den Weg. Der Fahrer hupt, schimpft, telefoniert, und in Windeseile erscheint die offenbar ganz in der Nähe des Käthe-Kollwitz-Ufers auf der Altstadtseite patrouillierende Polizei. Im Handumdrehen entwickelt sich ein heißer Disput. Freunde des Baggerblockierers streiten sich mit aufgebracht gestikulierenden Frauen und Männern aus der Nachbarschaft, Schimpfworte fliegen, man zeigt sich gegenseitig den Vogel, erzählt was von Demokratie, Stasi, Luftverpester, Fledermaus-Spinner und Wille des Volkes. Deutlicher als hier könnte der große Riss in der Dresdner Bürgerschaft nicht sein. Der gestern begonnene Bau der umstrittenen Waldschlösschenbrücke im Dresdner Südosten entzweit wie kein anderes Vorhaben die Einwohner, Parteien und Wissenschaftler der sächsischen Landeshauptstadt. Geschützt von der Polizei, verrichtet der Bagger schließlich die ersten Arbeiten.

„Ich war lange Zeit ein Befürworter der Brücke“, bekannte Mike Wagner, der schon seit dem Sonnenaufgang an der Elbe gegen den Bau der 635 Meter langen Konstruktion protestierte. „Schließlich gehören Brücken zu allen Städten an einem Fluss und der Verkehr braucht sie auch. Aber dann habe ich noch einmal über den Titel ‚Weltkulturerbe‘ nachgedacht. Mensch, das ist doch ein prima Titel für eine Stadt“, erzählte er. „Den sollten wir durch so eine Brücke nicht leichtfertig gefährden.“ Erst am Morgen habe er deshalb ein Plakat mit dem Titel „Hör auf dein Herz“ gemalt. Die Brückenbefürworter müssten eben mal in sich hineinhören.

Als letzten Ausschlag für seine Kehrtwende bezeichnete Wagner die Demonstration mit 2000 bis 3000 Teilnehmern gegen den Brückenbau am Sonntagabend auf dem Neumarkt. Die Unesco hat mit der Aberkennung des Weltkulturerbetitels gedroht, falls die Brücke den in ihren Augen „einmaligen Blick“ ins Elbtal verschandeln wird.

Auf der Demonstration hatte Achim Weber von der Grünen Liga der Stadt eine Fortsetzung des juristischen Kampfes gegen die vierspurige Konstruktion angekündigt. „Wir sind nur im Eilverfahren unterlegen, die Hauptverhandlung über unseren Einspruch folgt erst im nächsten Jahr“, sagte Weber. Wie berichtet, hatte das Oberverwaltungsgericht Bautzen in der vergangenen Woche die Anträge dreier Naturschutzverbände auf vorläufigen Baustopp abgelehnt und den vom Verwaltungsgericht Dresden verhängten Baustopp zum Schutz der seltenen Fledermausart „Kleine Hufeisennase“ aufgehoben.

Allerdings verfügten die Richter einige Auflagen. So soll zwischen April und Oktober in den Nächten ein Tempolimit von 30 Stundenkilometern auf der Brücke gelten, um die in der Gegend vorkommenden Fledermäuse zu schützen. Außerdem sind bauliche Veränderungen vorgeschrieben.

Am Ort des Geschehens am Elbufer kann sich niemand davon ein rechtes Bild machen. Denn es gibt entgegen der üblichen Praxis kein offizielles Baustellenschild, keine Zeichnung und keine Computersimulation. „Wir tragen in den nächsten Tagen erst einmal die obersten Erdschichten ab, um den Archäologen eine Untersuchung zu erlauben“, erklärte der zuständige Baustellenwart Thomas Kaiser. „Das braucht seine Zeit und wäre auch bei einem möglichen erneuten Baustopp nicht umsonst.“ Tatsächlich müssten bei einem Gerichtsurteil im Hauptverfahren zugunsten der Fledermäuse die bis dahin schon stehenden Brückenteile wieder abgerissen werden.

Doch die Befürworter der Brücke geben sich auf der Baustelle siegessicher. „Wenn in einem Bürgerentscheid 62 Prozent der Befragten mit Ja stimmen, muss das Ding einfach kommen“, brüllt ein älterer Herr seine Argumente über den Platz. „Das ist doch Demokratie, für die wir einst auf die Straße gegangen sind.“ Er und seine Unterstützer lassen sich auch von der in letzter Zeit ins Spiel gebrachten Tunnelvariante nicht aus dem Konzept bringen. Diese werde doch viel teurer und sei nicht zu bezahlen. Eine Brücke könne doch auch schön sein, wirft eine ältere Frau ein. „Unser ‚Blaues Wunder‘ trägt schließlich nicht umsonst diesen schönen Namen“, sagt sie. Die neue Elbüberquerung soll vor allem diese Eisenkonstruktion entlasten.

Die Polizei brauchte gestern nicht lange, um auch die letzten Protestierer zu beruhigen. Ein eisiger Wind von der Elbe forderte seinen Tribut, so dass die Arbeiten am Mittag ungestört liefen. Heute rollen die Bagger am anderen Elbeufer an.

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