Waldschlößchenbrücke : Grass warnt vor der Zerstörung Dresdens

Literaturnobelpreisträger Günter Grass setzt sich gegen den Bau der Waldschlößchenbrücke im Dresdner Elbtal ein. Deutschlands "wohlbekannte Lobbypolitik" habe Schuld daran, dass die Stadt in Friedenszeiten mutwillig zerstört werde.

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Günter Grass: "Das Weltkulturerbe gehört nicht nur den Dresdnern, sondern ganz Deutschland". -Foto: dpa

DresdenIm Streit um den Bau der Waldschlößchenbrücke im Dresdner Elbtal haben die Brückengegner prominente Unterstützung erhalten. Literaturnobelpreisträger Günter Grass unterzeichnete als erster einen neuen Aufruf zum Erhalt des Unesco-Welterbetitels und kritisierte vor rund 500 Demonstranten die Baupläne scharf: "Diese Stadt hat schon genug gelitten", sagte Grass in Anspielung auf die Zerstörung Dresdens im Zweiten Weltkrieg in der sächsischen Landeshauptstadt. Mutwillig und mit Ignoranz werde die Zerstörung in Friedenszeiten fortgesetzt.

Gerade wegen der Aufbauleistung nach der grauenhaften Zerstörung Dresdens 1945 "muss man besonders zornig und aufmerksam sein, damit diese Art von Zerstörung sich nicht wiederholt". Neben der Politik machte Grass die in Deutschland "wohlbekannte Lobbypolitik" für die Situation verantwortlich. "Es ist die Lobby, die hineinregiert, die Gesetze bestimmt", kritisierte Grass. Es seien nicht die gewählten Volksvertreter, es seien die Wirtschaftsverbände. Auch in diesem Fall werde beschämenderweise in der Demokratie die Hilfe einer starken Lobby gesucht, um etwas durchzusetzen, gegen den Bürgerwillen.

Grass: "Das Weltkulturerbe gehört ganz Deutschland"

Der 80-jährige Schriftsteller besuchte auf Einladung der Initiative "Welterbe erhalten" den Standort, an dem vor drei Wochen nach der gerichtlichen Aufhebung eines Baustopps mit den Bauarbeiten für die Waldschlößchenbrücke begonnen worden war. Die Unesco hatte zuvor mehrfach angekündigt, im Falle des Brückenbaus dem Elbtal den Welterbetitel abzuerkennen. Eine entsprechende Entscheidung des Welterbekomitees wird für Juli 2008 erwartet.

"Das Weltkulturerbe gehört nicht nur den Dresdnern, sondern ganz Deutschland", sagte der Schriftsteller, der nach eigenen Angaben eine Tunnellösung als Kompromiss akzeptieren würde.

Proteste gegen Baumfällungen

Bereits am Samstag hatten mehrere Hundert Demonstranten gegen Baumfällungen für den Brückenbau protestiert. Nach Angaben eines Polizeisprechers nahmen etwa 300 Menschen an einer genehmigten Kundgebung teil. Mehrere Demonstranten behinderten die Fällungen, indem sie sich vor die Bäume setzten. Insgesamt 60 Demonstranten mussten vom Baustellengelände getragen werde. Die Proteste verliefen dem Sprecher zufolge insgesamt friedlich. Die Polizei war mit 75 Beamten im Einsatz.

Das Verwaltungsgericht Dresden hatte die Fällungen am Freitag zugelassen. Der Umweltverband Grüne Liga hatte versucht, die Fällungen der über einhundertjährigen Traubeneichen mit einem gerichtlichen Eilverfahren zu stoppen. Die zehn bis zwölf Bäume sollten einem Stadtsprecher zufolge gefällt werden, um Baufreiheit für den Bau der Waldschlößchenbrücke zu schaffen. (mist/ddp/dpa)

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