Waldschlößchenbrücke : Wir Denkmalbeschmutzer

Nach der Brücken-Blamage von Dresden: Was schützt der Weltkulturerbe-Titel wirklich?

Nicola Kuhn
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„Peinlich, Dresden!“ stand auf den Schildern der Demonstranten geschrieben, die am Donnerstagabend vor der Frauenkirche auf- und abmarschierten und damit ihrer Enttäuschung über den aberkannten Welterbetitel Ausdruck verliehen. Dazu wurden Unesco-Fahnen mit Trauerflor geschwenkt. Nicht bekannt ist dagegen, ob gestern Mittag irgend jemand an der Waterkant Plakate etwa mit der Aufschrift „Hurra, Husum!“ hochgehalten hat, nachdem das Wattenmeer in die Liste aufgenommen war. Trotzdem freute man sich natürlich. Der schleswig-holsteinische Ministerpräsident Peter Harry Carstensen sprach sogleich von großer Ehre und welchen Imagegewinn die Auszeichnung für die Region berge. Die positive Wirkung für den Tourismus sei sicher.

Damit hat sich Deutschland innerhalb von zwei Tagen wieder zahlenmäßig auf den Gleichstand der Weltkulturerbetitel gebracht. Bis zur Aberkennung des Dresdner Elbtals besaß die Bundesrepublik insgesamt 33; jetzt sind sie es wieder. Auf der großen Liste von 878 Positionen ins 145 Ländern fällt dies nicht weiter auf. Davon sind 679 Kultur-, 174 Naturdenkmäler; weitere 25 Denkmäler gehören beiden Kategorien an. Ob nun die Altstadt von Algier, die Felsbilder von Gobustan in Aserbaidschan, das Barrier Riff von Belize oder die Kaiserlichen Gärten in Peking – sie alle erhielten als menschliche Kulturleistungen oder Naturphänomene von „außergewöhnlich universellem Wert“ das Unesco-Etikett. Wer es bekommt, darf sich geehrt fühlen, wer es aber verliert, hat sich vor aller Welt blamiert.

Trotzdem scheint diese Botschaft nicht bei allen Dresdnern angekommen zu sein. Oberbürgermeisterin Helma Orosz, die vergeblich bei den Mitgliedern des Welterbekomitees in Sevilla einen nochmaligen Aufschub bis zur Fertigstellung der Waldschlösschenbrücke im Jahr 2011 erbeten hatte (dann wäre die Chose in Ruhe zu besehen), ließ sich trotzdem nicht verdrießen. Schon einen Tag später nannte sie als ihr nächstes Ziel, Dresden wieder für die Unesco- Liste zurückzugewinnen. Bewerben könne man sich schließlich jederzeit, dann eben mit einem anderen städtischen Ausschnitt, von der Brücke nur etwas abgerückt. Allein an einer solchen Idee, wie sie für das Opportunitätsdenken von Politikern typisch ist, lässt sich die Beliebigkeit der Welterbeliste ablesen – zumindest deren Wertschätzung in der allgemeinen Wahrnehmung.

Sind dann nicht alle schönen Landschaften, alle Altstädte, Kathedralen und Paläste schützenswert, die sich einigermaßen erhalten haben und nicht durch den Bau einer Autobahntrasse oder Hochhäuser in unmittelbarer Nachbarschaft gefährdet sind? Köln blieb diese Schmach erspart, nachdem der Dom als erklärtes Welterbe auf die rote Liste bedrohter Objekte geraten war. Die für Kölns Silhouette bedrohlichen Wolkenkratzer kamen über das Planungsstadium nicht hinaus: weniger weil die Stadtväter interveniert hätten, sondern weil sich die Renditeberechnungen als fehlerhaft erwiesen.

So stellt sich die Gefährdung eines Kultur- oder Naturdenkmals immer wieder neu. In einer modernen Gesellschaft, in der alles auf Bewegung und Veränderung, den Verbrauch und technische Verfeinerung abzielt, kann dies nicht anders sein. Was Dresden geschah, könnte auch der Loreley passieren. Wie beim Elbtal, das eine gewachsene Kulturlandschaft darstellt, repräsentiert auch dieser Flussabschnitt des Rheins eine besondere Geschichte. Er ist die Versinnbildlichung deutscher Romantik schlechthin. Genau dort zwischen St. Goar und St. Goarshausen soll ebenfalls eine Brücke entstehen, womit der nächste Welterbetitel perdu ginge.

Ironie der Geschichte: Aus dem Geist der Romantik wurde auch die Idee des Denkmalschutzes geboren. Was bislang der Vergangenheit, dem Verfall anheim gegeben war, genoss nun besondere Aufmerksamkeit, ja Fürsorge. Die Höhenburgen, die sich hier wie eine Perlenkette den Rheinlauf entlang ziehen, würden ansonsten heute kaum noch so stehen. Umso kurioser erscheint es, dass ausgerechnet Deutschland, Erfinderland der Denkmalpflege und damit wichtigster Anreger für die Welterbeidee, als erste Nation mit einem Kulturdenkmal von der Liste fliegt. Das war bislang nur Oman mit einem Naturerbetitel widerfahren, einem Wildschutzgebiet der Oryx-Antilope, bei dem durch Ölförderung 90 Prozent der Fläche verloren gegangen war.

Bislang gibt es noch keine Statistik darüber, wie weit der Titel Weltkulturerbe vor Vandalismus schützt, wilde Bautätigkeit verhindert hat und um wie viel die Zahl der Touristen wuchs – also, was der Imagefaktor bis auf die Erhöhung staatlicher Zuschüsse in Deutschland konkret bewirkt. Dies hat die Kampagne um die Dresdner Waldschlösschenbrücke ebenfalls deutlich gemacht: Der Titel Weltkulturerbe steht auf dem Papier, ziert die Werbeprospekte einer Stadt; den Alltag berührt er kaum. Ansonsten hätte sich der Protest des berühmten Dresdner Bürgertums, das man aus Uwe Tellkamps Roman „Der Turm“ kennt, längst stärker formiert. Die Scham kommt hinterher.

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