Waldsieversdorf : John-Heartfield-Haus: Räuchermännchen und Riesenrad

Die Klause des Fotomonteurs: Das John-Heartfield-Haus in Waldsieversdorf ist wiedereröffnet.

Elke Linda Buchholz
Eigensinn. Das Heartfield-Haus versteckt sich im Grünen. Foto: Ilona Studre
Eigensinn. Das Heartfield-Haus versteckt sich im Grünen. Foto: Ilona StudreFoto: ilona Studre

Der Mond geht nie unter an John Heartfields Haus am See. Er ist aus Holz, weiß gestrichen und leuchtet Tag und Nacht am Eingang des Sommerrefugiums, das sich der Fotomonteur 1957 in Waldsieversdorf schuf. Der Buch-, Plakat- und Bühnengestalter mit dem bissigen Humor war mit seinen 66 Jahren bereits gesundheitlich angeschlagen, als er sein Häuschen am Großen Däbersee bezog. Wer es jetzt besucht, findet unter hohen Kiefern ein liebevoll wiederhergestelltes Künstlerhaus, das nach historischen Fotos mit originalen Möbeln und Gegenständen eingerichtet wurde und nun der Öffentlichkeit übergeben ist.

Wenn der Fotomonteur an seinem vermackelten Holzschreibtisch saß, wachte oben neben dem urigen Kamin ein vergoldeter Barockengel über sein Tun. Der wuchtige Buffetschrank, das zarte Hinterglasbild vor dem großen Fenster zum See, die geschnitzten Räuchermännchen und das hölzerne Riesenrad mit den winzigen Gondeln: Jedes Stück besitzt Geschichte und Eigensinn. Dass diese 150 Dinge aus dem persönlichen Besitz von Heartfield und seiner Frau Gertrud überhaupt erhalten blieben, ist ein Glücksfall. Aus dem Archiv der Akademie der Künste kehrten sie jetzt als Dauerleihgabe nach Waldsieversdorf zurück.

Bob Sondermeijer, der Enkel John Heartfields, erinnert sich noch gut daran, wie er als Junge mit seinem Großvater durch die sommerlichen Wälder streifte und Pilze suchend hinüber in das wenige Kilometer entfernte Buckow wanderte. Zurück ging es mit der Eisenbahn. Vom Bahnhof aus kommt man auch heute in wenigen Minuten über den idyllischen „John-Heartfield-Steig“ am Seeufer zu dem braunen Holzhaus mit den hellblauen Fensterläden. Auf einem zierlichen Dachtürmchen dreht sich als Wetterfahne ein Kupfereichhörnchen im Wind. Scheppernd kündigte die Glocke im Türmchen die Besucher an.

Im Dezember 1952 hatte Bertolt Brecht seinem aus dem englischen Exil in die DDR zurückgekehrten Freund geschrieben: „Lieber Johnny, eigentlich müssten Deine Freunde mit Dir ganz andere Seiten aufziehen. Es scheint Dir nachgerade zur Gewohnheit zu werden, sie durch die Folgen Deines unqualifizierbaren Herumrasens in Schrecken (…) zu versetzen. Stop that, young man! Ernst beiseite: Du solltest dieses absurde Leipziger Klima endlich mit dem berühmt guten hier vertauschen. (…) Sollen wir uns in der Nähe Berlins umschauen? Wäre so was wie Buckow zu weit weg (60km)?“

Brecht selbst hatte kurz zuvor mit Helene Weigel sein Landhaus in der Märkischen Schweiz bezogen. Die Sorge um den Freund war begründet, Heartfield hatte bereits zwei Herzinfarkte hinter sich. Als spät heimgekehrter Westemigrant war der Politsatiriker von der DDR nicht gerade euphorisch empfangen worden. Man begegnete ihm mit Misstrauen, seine Fotocollagen gerieten in Formalismusverdacht, eine Ausstellung zum 60. Geburtstag wurde abgesagt.

Im Sommer 1953 sondierte Heartfield erstmals das Terrain in der gründerzeitlichen Villenkolonie Waldsieversdorf. Dann pachtete er ein abgelegenes Waldgrundstück und ließ darauf mithilfe örtlicher Handwerker ganz pragmatisch eine ehemalige Sanitätsbaracke vom Flugplatz Strausberg aufstellen. Eine verglaste Veranda mit romantischer Aussichtsterrasse auf dem Dach machte Heartfields Refugium komplett. Ironie der Geschichte: Als er 1957 einzog, war sein Gesundheitsberater Brecht bereits tot.

Der 1891 als Helmut Herzfeld in Berlin-Schmargendorf geborene John Heartfield hatte als Kind jahrelang in einer Berghütte bei Aigen in Österreich gelebt. Denn sein Vater, ein anarchistischer Autor, war 1895 wegen Blasphemie angeklagt mit seiner Familie aus Deutschland geflohen. Eines Nachts verschwanden die Eltern unter bis heute ungeklärten Umständen und ließen die vier kleinen Kinder allein zurück. Für John Heartfield war sein Sommerdomizil in Waldsieversdorf auch ein Stück Kindheitserinnerung.

Draußen führt ein schmaler Pfad zwischen Bäumen zum „Kinderhaus“, das sich am Rand des Grundstücks versteckt: Noch ist es marode, von einer Plastikplane notdürftig vor weiterem Verfall geschützt. Drinnen zwei winzige Räume, einer zum Schlafen, einer mit holzgezimmerten Bänken, niedliche Fenster und eine kleine Tür: eine traumhafte Butze für Kinder wie den Enkel Bob Sondermeijer, der hier als kleiner Junge logierte. Der rührige Förderverein, der unter Leitung von Manfred Werner zwölf Jahre lang für die Rettung des Hauses gekämpft hat, und der engagierte Gemeindebürgermeister Holger Landsmann wollen auch das Kinderhaus wiederherstellen.

Schwarzer Weg 12, Waldsieversdorf, geöffnet bis 3. Okt., Fr-So 13-18 Uhr, weitere Termine nach Absprache.

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