Kultur : Waldteufel für Weimar

Eine Weihnachtspost von Felix Mendelssohn

Volker Hagedorn

In Berlin war die Temperatur kurz vor Weihnachten auf ein Grad minus gesunken, man schrieb den 20. Dezember 1821, und in der elterlichen Wohnung saß ein Zwölfjähriger und schrieb Weihnachtspost. „Ein Waldteufel“, begann er anstelle einer Anrede und fuhr fort: „Hier schicke ich Ihnen den Waldteufel. Sie befehlen – es geschieht. Haben Sie die Güte ihn meinem allerliebsten kleinen Kamaraden als kleines Weihnachtsgeschenk zu geben.“ Die Post ging nach Weimar, an Ottilie von Goethe, Schwiegertochter des Dichterfürsten. Felix Mendelssohn Bartholdy hatte die ganze Goethefamilie im November des Jahres kennengelernt. Der Auftritt ist Legende, da Goethe das Wunderkind aus Berlin mit Experten einem musikalischen Test unterzog und anschließend zu einer Art verbesserter Version des jungen Mozart erklärte.

Ottilie, Frau von Goethes Sohn August, war 25, ihr Sohn Walther drei Jahre alt – und für ihn hatte Mendelssohn nun den „Waldteufel“ ausgesucht. Ein Kinderspielzeug zur Lärmerzeugung, bestehend aus einer um einen Stock kreiselnden, an Pferdehaaren befestigten Papiertonne. „Doch möchte ich Ihnen raten“, fuhr Felix darum fort, „diesen Brummteufel mit Bann zu bestricken, denn in der Stube gewährt er keinen Ohrenschmaus; im Freien, auf dem Berliner Weihnachtsmarkte, wo man diese Lärmmacher zu Hunderten findet, und hört, geht das Gebrumme noch eher an. (...) Waltern würde der Markt, die Lichter, das Spielzeug das Geknarre, Geknurre, Gebrumme, Geschrei, der Waldteufel und Kinder nicht übel gefallen. Und wenn der Herr Kammerrat“ – August von Goethe – „den berühmten Ypsilanti überdrüssig werden will: er komme nur nach Berlin, und gehe auf den Weihnachtsmarkt, da hört man ihn mit und ohne Variazionen.“

Ypsilanti? Nein, nicht Andrea! Alexandros hieß der griechische Freiheitskämpfer, der 1821 nach gescheitertem Aufstand gegen die Osmanen nach Österreich geflohen und dort inhaftiert worden war – Metternich mochte Rebellen nicht mal, wenn sie gegen die Türken waren. Doch das große Publikum feierte ihn als Helden, man benannte sogleich einen Walzer nach ihm – und den Hit meinte Felix mit „Ypsilanti“.

Auch Wagners Richard, zu der Zeit acht Jahre alt, kannte den Walzer und hielt ihn damals für „das wunderbarste Tonstück“. Zwischen den Zeilen in Mendelssohns Winterpost kommt also eine ganze Epoche zum Vorschein. Nebst „tausend Grüßen an Fräulein Adele“. Wer das nun wieder war? Die kleine Schwester von Arthur Schopenhauer. Es ist doch ein ziemlich gehaltvolles Weihnachtspäckchen, das uns da nach 187 Jahren erreicht. Volker Hagedorn

Im Januar 2009 erscheint der erste von zwölf Bänden mit sämtlichen Briefen Felix Mendelssohns, herausgegeben von Juliette Appold und Regina Back im Kasseler Bärenreiter Verlag. Der Subskriptionspreis der Ausgabe, die nur geschlossen abgegeben wird, beträgt pro Band 149 Euro.

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