Kultur : Waldweben heute

GREGOR SCHMITZ-STEVENS

Ludwig Tiecks Erzählung "Der blonde Eckbert" ist ein tragisches Märchen: der Held findet nicht mit Hilfe geheimnisvoller Mächte sein Glück, sondern wird von seinen eigenen Ängsten, dem eigenen Dämon zu Tode gequält.Es ist ein zentraler Text der deutschen Romantik, und man wundert sich, wie eine schottische Komponistin der Gegenwart gerade auf dieses Märchen als Vorlage für eine Oper gekommen ist.Doch bei näherer Betrachtung, die die Berliner Erstaufführung durch Studenten der Hochschule der Künste nun ermöglicht, liegen zahlreiche Berührungspunkte auf der Hand.

Straff, stetig und linear wie Tiecks Märchen, so wirkt auch Judith Weirs Musik.Das etwa siebzigminütige Werk zeichnet sich durch Ökonomie der Mittel, Primat von Melodie und Harmonik aus.Geschickt wird so ein dichtes, neoromantisches Stimmungsnetz gewoben, das in nahezu jedem Augenblick bekannt und neu zugleich wirkt.In eifür neueres Musiktheater ungewöhnlicher Weise stehen für Judith Weir die Sänger und die zu erzählende Geschichte im Vordergrund.Der "Blonde Eckbert" kommt mit vier Partien aus: der Titelfigur (Sebastian Noack), seiner Frau Bertha (Nicole Nothbaar), dem Freund Walther (Christoph Lauer) und dem Vogel (Almut Wilker), der dramaturgisch als Erzähler fungiert.Sie alle sangen und spielten hervorragend, wie man es sich von Darstellern manch großer Häuser oft nur wünschen kann.Ludwig de Ridder hatte mit dem Orchester in langer und genauer Probenarbeit die Musik ausgezeichnet einstudiert: die zahlreichen Klang- und Farbeffekte vom "Waldweben" bis zum unheimlich-märchenhaften Raunen gelangen famos.Die Ausstattung durch Beatrice Schultz unterstrich Judith Weirs Deutungsansatz des Tieckschen Märchens; es geht hier weniger um eine vordergründige Moral, sondern - und das macht die Modernität aus -, um eine Umwelt, die feindlich, verrätselt und dämonisch erscheint und der handelnd zu begegnen der einzelne Mensch scheitert.Diese Spannung zwischen einer traulichen Märchen- und Waldwelt einerseits und kühler Distanziertheit andererseits kennzeichnet Ausstattung und Kostüme und wurde auch durch die Regie von Peter Rasky verdeutlicht.

Wieder am 30.6.und 1.7.um 20 Uhr im Theatersaal der HdK, Fasanenstr.1 b.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben