Kultur : Walfänger, Tiefseetaucher

Neue Gedichte von Björn Kuhligk.

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Foto: Hans Praefke/Hanser promo
Foto: Hans Praefke/Hanser promo

Unter den Dichtern, die Björn Kuhligk 2003 als Mitherausgeber der Anthologie „Lyrik von Jetzt“ vorstellte, ist er der umgangssprachlich Drastischste und ironisch Provozierendste geblieben. Angriffslustig überrascht er in seinem fünften Lyrikband mit Polyphonien, in denen eine bedrohliche Stille dröhnt. In ihr herrschen „Gefühlsbastarde“, wie „zwei Fäuste / und Liebe“.

Während Kuhligk als Nachfahr von Heinrich Heine und Peter Rühmkorf einst den Zustand der deutschen Gesellschaft im Auge hatte, beäugt er nun die Spur des Menschen in der Natur. Was er wahrnimmt, zeugt indes nicht von romantischer Verklärung. Die Schwärze seines Walds wird von blinkenden Windparks und flammender Reklame aufgehellt. „Hier sind wir durchgegangen / Mit unseren verschiedenen Werkzeugen“ – diese Zeilen aus Volker Brauns Gedicht „Durchgearbeitete Landschaft“ stehen als Motto über dem Band. Brauns Kulturoptimismus setzt der Nachgeborene die Bilanz einer totalen industriellen Verwertung der Natur entgegen. In Kuhligks Gedichten steht Schweigen da „wie ein leeres Gefäß“. Die Stille ist nicht mehr „traulich und hold“ wie bei Matthias Claudius; sie wird, wie es der Titel verspricht, zwischen den digitalen Codes von null und eins platziert.

Kuhligk entwirft eine Welt im Konjunktiv. Dabei herrschen Nüchternheit und Befremden. Bewegung entsteht aus Bildfetzen, Befindlichkeitsverlautbarungen und Gedankensplittern, die in raschen Wechseln durch vier Kapitel jagen, unterbrochen von ausgestellten Korrekturen und Selbstkorrekturen. Die Hast regiert seine Reisegedichte zwischen Meer und Gebirge, Europa und Asien.

Das lyrische Ich fällt dabei nur selten mit dem Ich des Autors zusammen. Es sprechen ein Walfänger, ein Tiefseetaucher und Bergsteiger – lauter Naturbezwinger in extremen Situationen. Dann wieder ist vage von „man“, „jemand“, „einem“ oder „niemand“ die Rede. Oft spricht ein Gruppen-Wir. Gegensätzliche Lebensentwürfe und Geisteshaltungen prallen aufeinander. Das sind lebendige Szenen mit knallharten Kontrasten und spannenden Verläufen. Björn Kuhligk hat zweifellos das Zeug zum Romancier.

Am schlagkräftigsten sind Dichterporträts, die in parodistischer, Phrasen und Floskeln ad absurdum führender Rollenrede Entwicklungen von Literaten nachzeichnen: der besänftigte Rebell, der Klangfetischist und forsche Reimer, der größenwahnsinnige Universumsdichter. Welch ein Vergnügen, hinter den Figuren die Vorbilder zu erraten, die über alles Individuelle hinaus zugleich Prototypen der Literaturszene sind. Dorothea von Törne

Björn Kuhligk: Die Stille zwischen null und eins. Gedichte. Hanser Berlin 2013. 80 S., 14,90 €. Buchpremiere am heutigen Donnerstag, 28. 2., um 20.30 Uhr in der Buchhandlung Ocelot, Brunnenstraße 181.

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