Wall Street-Besetzung : Aufstand der Ausgebildeten

Der globale Protest: Was die Demonstrationen in New York, Tel Aviv, Madrid und Kairo verbindet.

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02.11.2011: Im kalifornischen Oakland protestieren wieder tausende Menschen gegen die Macht der Banken und rufen zum Generalstreik auf.Weitere Bilder anzeigen
03.11.2011 08:5902.11.2011: Im kalifornischen Oakland protestieren wieder tausende Menschen gegen die Macht der Banken und rufen zum Generalstreik...

Dies ist eine Zeit der unerwarteten und sich immer weiter ausbreitenden Proteste. Was am „schwarzen Donnerstag“, dem 30. September 2010, in Stuttgart mit den Demonstrationen gegen den Neubau des Hauptbahnhofs begann, hat unter dem Stichwort „Bürgerprotest“ hierzulande zu einer ganz neuen Form der Aufmerksamkeit geführt. Dass es in einer wirtschaftlich so saturiert erscheinenden Großstadt zu einer derartig nachhaltigen Protestbewegung kam, war eine große Überraschung. Das allein hätte als Signal bereits gereicht. Doch was dann folgte, hat selbst professionellen Beobachtern den Atem verschlagen.

Im arabischen Raum haben Protestierende so lange aufbegehrt, bis sie ihre Regime zu Fall brachten und die Potentaten sich aus dem Staub machten. Auch wenn nicht immer ganz klar ist, ob sich ein Teil des alten Machtapparats – wie das Militär in Ägypten – mit den neuen Verhältnissen arrangiert hat, auch wenn die Konflikte etwa in Syrien und im Jemen anhalten und in bürgerkriegsähnliche Unruhen übergegangen sind, so haben die Proteste die politischen Verhältnisse in Nordafrika bereits jetzt nachhaltig verändert.

Dabei blieben die Impulse des Arabischen Frühlings keineswegs auf die Region beschränkt. Auch dies lässt einen staunen: Mit Spanien, Portugal und Frankreich haben die Proteste auf Länder übergegriffen, die politisch, kulturell und religiös völlig anders strukturiert sind. In den letzten Monaten ist überdies ein Land hinzugekommen, das historisch wie politisch ein Sonderfall ist und dessen bisherige Sicherheitsarchitektur infolge des Aufbruchs im arabischen Raum zunehmend wackelt: Israel. Auch dort gingen hunderttausende junger Leute vor allem aus der Mittelschicht auf die Straße.

Als wollte man alldem eine weitere Überraschung hinzufügen, ist in New York und anderen amerikanischen Großstädten wie Chicago, Washington und Los Angeles seit dem 17. September die Bewegung „Occupy Wall Street“ aktiv. Es sieht ganz so aus, als sei die enorme soziale und politische Protestwelle, die seit Monaten so viele Länder in Atem hält, nun im Epizentrum der Macht angekommen, in der Hauptstadt des internationalen Finanzkapitals.

So gering die Anzahl der Demonstranten im Zuccotti Park in Manhattan verglichen mit denen auf dem Tahrir-Platz in Kairo auch sein mag, so stark ist andererseits ihre symbolische Bedeutung. Mitten im New Yorker Finanzviertel, an der Pforte zur wichtigsten Börse der Welt, dem New York Stock Exchange, stellen sie die Macht der Banken infrage. Es ist beinahe so, als habe man die Gedenkfeiern für die Opfer vom 11. September 2001 abwarten wollen, um dann nur ein paar hundert Meter von Ground Zero entfernt in die Offensive zu gehen.

Zeltstadt in Israel
Die Mietpreise in Israel steigen in schwindelerregende Höhen. Besonders Tel Aviv ist betroffen. Hier haben hunderte Betroffene ein Protestcamp auf der Rothschild Boulevard eingerichtet, um gegen die Mieterhöhungen zu demonstrieren.Alle Bilder anzeigen
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20.07.2011 14:09Die Mietpreise in Israel steigen in schwindelerregende Höhen. Besonders Tel Aviv ist betroffen. Hier haben hunderte Betroffene ein...

Wer sich die Webseite occupywallst.org anschaut, um sich mit dem eher minimalistisch anmutenden Selbstverständnis der Akteure vertraut zu machen, dem fallen drei Punkte auf. Die Aktivisten verstehen sich als führerlose Widerstandsbewegung, als Ausdruck der großen Mehrheit von „99 Prozent“, die mit den Worten des Wirtschaftswissenschaftlers und Nobelpreisträgers Joseph Stiglitz nicht länger bereit seien, die Gier und Korruption des restlichen „1 Prozent“ zu tolerieren. Und sie verstehen sich – in ausdrücklicher Anlehnung an den „revolutionären arabischen Frühling“ – als Vertreter der Gewaltfreiheit. Vermutlich ist es gerade die programmatische Kargheit, die es Prominenten wie Susan Sarandon erleichtert, sich mit den Protesten zu solidarisieren.

Wer sich mit der Phänomenologie dieser an so unterschiedlichen Stellen des Globus entflammten Proteste vertraut zu machen beginnt, dem wird rasch klar: Auf einen gemeinsamen Nenner lassen sie sich nicht bringen. Warum sind diese energischen Proteste gerade jetzt ausgebrochen? Warum sind sie über den Atlantik gesprungen und haben nun auch das mächtigste Land der Welt erfasst? Und gibt es tatsächlich Gemeinsamkeiten?

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