Kultur : Wallraf-Richartz-Museum: Die Quadratur des Kreuzes

Nicola Kuhn

Welch grandios-makabre Szene: im Vordergrund der verdrehte, nackte Leib des enthaupteten Argus, dahinter die rot gewandete Juno, die betrogene Göttergattin, wie sie in ihrem Zorn die Augen des Geköpften ins Gefieder eines Pfaus einsetzt. Von wegen Argusaugen. Das Flötenspiel Merkurs hatte den Tugendwächter der Io eingeschläfert und damit eine weitere Eskapade Jupiters erst möglich gemacht - und Junos grausame Rache provoziert. Für den Maler Peter Paul Rubens aber war die blutrünstige Begebenheit aus den Metamorphosen des Ovid die schönste Vorlage für ein Fest der Farben und schwellenden Formen, eine Allegorie auf das Sehen, die Kunst schlechthin.

Programmatisch hängt das monumentale Gemälde im Zentrum des neuen Wallraf-Richartz-Museums: Von hier aus kann der Besucher weiter in die Barockabteilung der Sammlung vordringen oder sich ein Geschoss tiefer der mittelalterlichen Kunst, wahlweise ein Geschoss höher der Malerei des 18. und 19. Jahrhunderts widmen. Die alte Kunst hat in Köln mit dem mitten in der Altstadt eröffneten Neubau wieder eine Heimstatt gefunden. Und als wollte sie dem gestrengen Baumeister und Rationalisten Oswald Mathias Ungers, der ihr dieses Gehäuse schuf, ein Schnippchen schlagen, konstrastiert sie seine Quadratbesessenheit mit Üppigkeit und dem Übermut der Farben, mit dramatischen Darstellungen von Liebe, Tod und Leidenschaft.

Triumph der (alten) Malerei könnte das hier gegebene Stück auch heißen, obwohl sie den Kampf gegen die (neue) Architektur nicht gänzlich für sich entscheidet, denn lange Zeit sah es in Köln so aus, als ob sich niemand recht für das Schicksal des Museums interessieren würde. Seit 1986 war es zusammen mit der Sammlung Ludwig im Neubau von Busmann & Haberer untergebracht, wo es gegenüber der Moderne den Kürzeren zog, auch wenn die mittelalterlichen Altäre perfekt mit den Fialen des benachbarten Doms korrespondierten. Als aber Peter Ludwig der Stadt die Schenkung etlicher Picassos in Aussicht stellte unter der Bedingung, dass er alleine Herr im Hause sein würde, da war der Auszug der alten Kunst beschlossene Sache.

Mit der neuen Adresse am Rathausmarkt haben die vagabundieren Werke ihre ideale Bleibe gefunden, denn sie kehren zurück an der Ort ihres Entstehens. Zwischen Heumarkt, Gürzenich und Alt Sankt Alban hatten schon im Mittelalter die Maler und Goldschmiede ihre Werkstätten; Stefan Lochner, der berühmteste Künstler Kölns in dieser Zeit, hatte geradewegs dort sein Atelier, wo sich heute das Treppenhaus des Museums befindet und symbolträchtig eine Nische an die berühmte Gasse "In der Höhle" erinnert.

Dem 74-jährigen Ungers, von dem in Berlin allerdings noch die Erweiterung des Pergamon-Museums aussteht, ist hier tatsächlich die "Krönung" seines Schaffens gelungen, wie er schon vor Eröffnung zu Protokoll gegeben hatte. Man muss es ihm deshalb wohl nachsehen, wenn er nun erklärt, dass die Kunst sein Bauwerk sehr schön ergänze. Statt eines eitlen Solitärs wie 1996 für die Hamburger Kunsthalle, die außen dem Architekten ein Denkmal setzt und innen die Ausstellungsmacher vor unlösbare Probleme stellt, hat er sich hier der Museumsaufgabe untergeordnet. Bei seiner kubischen Klarheit ist er geblieben, doch nicht mehr in selbstgefälligem Weiß wie an der Alster, sondern im Ocker des Eifeler Tuffsteins, der seit jeher auch für die Kölner Kirchen benutzt wurde.

Mit seinem 11 900 Quadratmeter umfassenden Block hat Ungers eine der letzten Kriegslücken in der Altstadt geschlossen, die vis-à-vis der Renaissanceloggia des Rathauses besonders schmerzlich zu Tage trat. Auf das mittelalterliche Straßengewirr mit seinen buckligen Gässchen und widersprüchlichen Architektureindrücken von Kirchenruine und Nachkriegsbauten antwortet er mit einer glatten, klaren Fassade, die als einzigen Schmuck ein von Ian Hamilton Finlay entworfenes Gesimsband mit 36 eingelassenen Künstlernamen ziert. Diese außen beruhigende Coolness wendet sich jedoch innen im Sockelgeschoss gegen den Bau: Hier ist aus Basaltlava ein gigantischer Eingangssaal entstanden, der durch seine Alufensterrahmen den Charme einer Kassenhalle ausstraht. Im Entree wird mit dem Luxus freier Fläche kokettiert, die für das Haus im Übrigen keineswegs gilt. Die Mittelalter-Abteilung etwa hat nur zwanzig Prozent mehr Fläche bekommen.

Mit der mittelalterlichen Malerei beginnt auch der Aufstieg in den Olymp der Kunst. Ihre Herzkammer bildet ein kreuzförmiger Saal, der vollmundig der Palladio-Villa "La Malcontenta" nachempfunden sein soll, aber wohl eher der räumlichen Notwendigkeit folgt, die größten Altäre aufzunehmen. Drum herum reiht sich eine Enfilade abwechselnd großer und kleiner Ausstellungssäle für all die anderen Beweinungen, Kreuzigungen, Grablegungen. Allerdings wird die etwas großspurige Ankündigung, dass die Kölner Malerschule nun in den europäischen Kontext eingebettet werde, kaum eingelöst, dazu fehlt es an über das Rheinland hinausreichenden Werken. Trotzdem spürt man, dass mit dieser großartigen Galerie mittelalterlicher Malerei Köln als Kunststadt genordet wird. Hier kehrt sie an ihre Anfänge zurück, zu den Ursprüngen ihrer bis heute ungebrochenen Attraktivität als Produktionsort von Kunst.

Auf das in dieser Abteilung für die Wandgestaltung gewählte Sieneser Rot folgt mit dem Barock im nächsten Geschoss Veronesegrün. Doch während das Rot im Freskoputz zu orange wirkt, erscheint das Grün zu pastig, zu mintfarben. In Ergänzung mit dem dunkel geräucherten Eichenparkett stellen sich eher Assoziationen an "After Eight" ein, so kalkig kühl wirkt diese Galerie, in deren Bildern doch eigentlich das Leben pulst. Das mag nicht zuletzt an der ausschließlich künstlichen Deckenbeleuchtung liegen, museumstechnisch ein Rückschritt.

Mit Wehmut erinnert man sich daran, wie die großartigen Barockgemälde im Busmann & Haberer-Bau zwar eher en passant in Treppenhaus und Museumsstraße untergebracht waren, dort aber durch mehr Licht und Raum ihre Wirkung entfalten konnten. Einzig in der Nordost-Ecke hat der Architekt einen Durchbruch und großartigen Ausblick auf Dom, Groß Sankt Martin und Köln-Arena geschaffen. In der Mittelalter-Abteilung sind in diesem sensationellen Saal nunmehr vollständig die Bildtafeln der Ursula-Legende zu sehen, an denen der Besucher die Stadtsilhouette des 15. Jahrhunderts mit dem heutigen Stand vergleichen kann.

Immer leichter, immer schwebender wird die Kunst nach oben hin, wo sich im letzten Geschoss die Malerei des 18. und 19. Jahrhunderts auf "marmorgrauem" Grund präsentiert. Das Zentrum bildet wie in der Berliner Alten Nationalgalerie ein großer Saal mit Gemälden des Impressionismus und Post-Impressionismus sowie Skulpturen. Hier nun stößt man auf gut zwei Dutzend jener 170 Werke umfassenden Schweizer Sammlung, die - neben einem erklecklichen Stiftungskapital zwecks weiterer Kunstankäufe - fortan als "ewige Dauerleihgabe" dem Wallraf-Richartz-Museum gehören und dem Haus den Zusatznamen "Fondation Corboud" einbringen soll.

In Köln erscheint diese Gegenleistung nur recht und billig, doch die Bilder selbst rechtfertigen diesen Deal im Vergleich mit dem eigenen Sammlungsbestand kaum. Allzu deutlich wird der Qualitätsabfall zwischen dem großartigen Gemälde Auguste Renoirs vom Ehepaar Sisley und dem dreißig Jahre später entstandenen süßlichen Porträt seines Sohnes, zwischen Monets "Seerosen" und der Studie "Fischerboote am Strand von Etretat", ganz zu schweigen von den hier hochgeputschten Beispielen postimpressionistischer Malerei.

Ein wenig enttäuscht dieses Finale eines mit so viel Bedacht und gelungenen Blickverbindungen eingerichteten neuen Museums, das schließlich eine der bedeutendsten Gemäldegalerien Deutschlands aufnimmt. Aber vielleicht sollte man es mit dem Architekten halten, für den das Haus ohnehin eher Perspektiven auf Archäologie und Vergangenheit statt Malerei und Gegenwart birgt. Denn von hier aus, wo einst der Marstempel stand und sich andere antike Relikte befinden, so erträumt es sich Ungers, könnte eine unterirdische Promenade bis zum Römisch-Germanischen Museum und zum Dom führen. Doch das ist eine andere Geschichte. Überirdisch triumphiert erst einmal die Malerei.

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