Walser wird 85. : Das Ja zum Nein der Welt

Martin Walser zum 85. Geburtstag.

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Foto: Michael Gottschalk/dapd
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Als Martin Walser Mitte der achtziger Jahre in einem Interview mit der christlichen Wochenzeitung „Publik-Forum“ gefragt wurde, ob in seinem bisherigen Werk „die Gottesproblematik die am wenigsten wirklich aufgearbeitete“ sei, bejahte er das und kündigte an: „Ich habe ein, sagen wir’s schnöde, Gottesprojekt vor. Das kann aber nicht belletristisch oder essayistisch beschrieben werden, sondern nur als reine Erfahrung. (...) Die Auseinandersetzungen mit der Gottesproblematik kann man nicht so aufarbeiten, dass man danach dann damit fertig wäre. Auch das gehört zu den Verkrümmungen, die ich nicht loswerde. Mit ihnen werde ich mich wohl immer herumschlagen müssen.“

Tatsächlich standen für Walser in den folgenden Jahren andere Problematiken im Vordergrund: von der Beschäftigung mit seiner Wasserburger Kindheit bis zur Auseinandersetzung insbesondere mit dem wiedervereinigten Deutschland, die 1998 nach seiner Paulskirchenrede in dem Vorwurf mündete, er wolle einen „Schlussstrich“ unter den Holocaust ziehen. Erfahrungen mit dem Religiösen, „dem Vorhandensein des Wortes Gottes“ dürfte Walser weiterhin viele gemacht haben. Stets wies er darauf hin, „dass Literatur bastardisierte Religion ist“. Nun jedoch, im Alter, da Martin Walser an diesem Sonnabend seinen 85. Geburtstag feiert, arbeitet er intensiver denn je an seinem „Gottesprojekt“, auch in seinen Romanen und Essays.

Das ließ sich schön in seinem jüngsten Liebes- und Glaubensroman „Muttersohn“ erkennen, in dem Sätze standen wie „Man muss seinen Verstand unter den Gehorsam des Glaubens beugen“. Und das setzte sich fort in einer Rede, die er zum 9. November letzten Jahres während einer Amerikareise an der Harvard University hielt. Diesen Versuch, das Religiöse vor dem Vergessen zu bewahren, hat sein Verlag jetzt auch unter dem Titel „Über Rechtfertigung, eine Versuchung“ als Buch veröffentlicht.

Walser umkreist darin die Frage nach der Legitimation der menschlichen Existenz, auch die nach seinem „Ja zum Nein der Welt“. Er macht das zunächst mit seinen literarischen Hausgöttern, mit Kafka, Jean Paul und Robert Walser, landet dann bei Augustinus’ Gnaden- und Prädestinationslehre (die er vor allem als Roman liest) und schließt zuletzt Nietzsche mit dem protestantischen Kirchenmann Karl Barth und seinen „Negationsparaden“ kurz. Walser liest Barth mit Nietzsche und umgekehrt, nicht zuletzt geht es ihm um deren Sprech- und Sprachbewegungen: „Karl Barths Sprache ist nicht weniger Dichtung als die Sprache Nietzsches.“

Definitive Antworten auf seine Fragen nach letztgültigen Daseins-Rechtfertigungen maßt Walser sich nicht an. Am Ende schaltet er lieber um zum ureigensten Programm. Ob es Gott gebe oder nicht, nun denn, schwierig. „Aber er fehlt. Mir. Wenn ich gefragt werde, wie das bei mir sei mit dem Schreiben, sage ich meistens: Mir fällt ein, was mir fehlt. Oder ich sage: Meine Muse ist der Mangel.“ Wer Walser zuletzt auf der Buchmesse erlebt hat, erlebte ihn als unermüdlichen Glaubens- und Schönheitsprediger, ja, als Prediger des eigenen Mangels. Lesen und reden, schreiben und leben, das ist bei diesem Schriftsteller inzwischen wirklich alles eins. Gerrit Bartels

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