Kultur : Walt Stillman feiert die große allgemeine Verpartnerung

Ralph Geisenhanslüke

Ein Film über in Discos abhängende uncoole Typen mit unmöglichen Frisuren und noch geschmackloseren Klamotten - die Achtziger sind zurück!Ralph Geisenhanslüke

Wie kommen wir bloß am Türsteher vorbei? Sind unsere Klamotten cool genug oder nehmen wir für die letzten 50 Meter ein Taxi? Alice und Charlotte sind Mitte 20, aufgebrezelt und nervös. Werden sie die Menschentraube schwerelos durchschreiten, nachdem der Mann am Eingang ihnen ein Zeichen gegeben hat? Oder werden sie abgewiesen mit einem knappen: "Nur für Mitglieder"? Zwei Frauen ohne Begleitung kommen fast immer und überall rein.

Es ist Anfang der achtziger Jahre. Alice und Charlotte halten Disco noch für das neue große Ding - und sich selbst für wilde Feger. Drinnen, im offenbar einzigen Club Manhattans, herrscht Männer-Überschuss. Juristen, Werbeleute, Verlagsleute. Anzüge und Fönfrisuren tragend. Dieses Publikum wäre gestern, heute und morgen der Tod jedes hippen Clubs. Aber Whit Stillmans Film "The Last Days of Disco" soll auch nicht das wilde Leben und die gute Party zeigen. Sein Personal geht auf die Piste, um Probleme zu wälzen.

Probleme - das sind für die alerten College-Absolventen entweder Fragen der Karriere oder der Lebenspartnerfindung. Meist sind die Rollen dabei verteilt. Frauen erörtern die Männerauswahl und Männer fragen, mit mäßigem Lebenshunger, aber zerfressen von Ehrgeiz: Was macht die Agentur? Einige bringen Geschäftspartner mit oder kommen gleich mit der Aktentasche in den Laden.

Die Musik von Chic oder Sister Sledge bleibt meist dezent im Hintergrund. Und nicht nur die. Durch Stillmans Hopps-Bude huschen vielleicht 1,3 Schwule und 1,7 Schwarze. Keine Spur von Glamour. Das Feld gehört den Wehwechchen von Menschen, die als früher als Yuppies bezeichnet wurden. Aber Yuppies - das sind immer die anderen. Sich selbst finden sie eigentlich ganz okay, wie sie das so lässig stehen, mit dem Cocktail in der Hand, jung und dufte.

Stillmans handlungsarmer Dialogfilm ist als Satire angelegt. Aber die fällt so zahm aus wie eine Zweistunden-Folge von "Melrose Place" - ohne Werbeunterbrechung. Akteure verpartnern sich mit anderen Akteuren, wechseln die Jobs, reden über Neurosen und Geschlechtskrankreiten, über Wohnungssuche und Geschäfte. Ein Endlos-Kontinuum von Platitüden, das sich in verklemmten Abschlepp-Aktionen erschöpft. "Beziehungen ruinieren dein Nachtleben", heißt es einmal. Sollte es nicht heißen: Weiße Mittelschichtler ruinieren das Nachtleben?

Gegen Ende gibt es eine Razzia. Dann ist nach knapp zwei Stunden langsam Schluß mit lustig. Der Club wechselt den Besitzer, und damit geht - "Studio 54" lässt grüßen - die ganze Ära den Bach runter. Ja, man fühlt sich plötzlich alt und leer, lamentiert einer, wenn so eine Bewegung sich dem Ende neigt. Der Zuschauer hingegen mag sich erleichtert fühlen, wenn der Film es tut. Bei solchen Aussichten im Nachtleben kann man getrost zu Hause bleiben.Filmkunst 66, fsk am oranienplatz

Moviemento (OmU)
© 1999

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