Walter Jens : Vergessen, vermessen

Annäherung und Abrechnung: Tilman Jens nimmt in einem Buch Abschied von seinem demenzkranken Vater Walter Jens. Ein Porträt einer Vater-Sohn-Beziehung mit eigener Tragik.

Gerrit Bartels
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Walter und Inge Jens auf der Frankfurter Buchmesse 2005. -Foto: ddp

Der Titel dieses Buches, das der Fernsehjournalist Tilman Jens über seinen ungleich berühmteren Vater Walter Jens geschrieben hat, führt etwas in die Irre: „Demenz. Abschied von meinem Vater“. Das klingt, als wolle Tilman Jens eine Krankengeschichte erzählen, eine Krankheit ins Bewusstsein der Öffentlichkeit rücken, um die gern ein Bogen gemacht wird, die aber mit der ihr verwandten Alzheimer-Krankheit zunehmend mehr Menschen betrifft, Kranke wie überforderte Angehörige. Und das klingt, als wolle er die von seinem Vater und Hans Küng 1995 in dem Buch „Menschenwürdig sterben“ angeregte Debatte um Sterbehilfe und Patientenverfügungen vertiefen und nicht zuletzt seiner Mutter Inge Jens sekundieren. War sie es doch, die letztes Jahr in einem „Stern“-Interview die Demenz-Erkrankung ihres Mannes öffentlich gemacht und gesagt hatte: „Er ist nicht mehr mein Mann. Die Krankheit hat ihn zu einem anderen Menschen gemacht.“

Die Demenz aber ist eher die Klammer dieses Buches, das „Entschwinden“ des Vaters, der nachts mit vollen Windeln durchs Haus irrt, wie im ersten Kapitel beschrieben. Oder der in die Gerontopsychiatrie eingewiesen wird und, wieder zu Hause, auf einmal ein „kreatürlicher Vater“ ist, der grundlos lacht oder weint, wie im letzten Kapitel zu lesen ist.

Das Zentrum dieses Buches besteht jedoch in einer Mischung aus Annäherung an und Abrechnung mit dem Vater, eingebettet in eine Abrechnung mit der gesamten Vätergeneration. Es ist das mitunter rührende Porträt einer Vater-Sohn-Beziehung, die ihren vermutlich entscheidenden Riss bekam, als 2003 bekannt wurde, dass Walter Jens seit 1942 NSDAP-Mitglied gewesen sein soll – wissentlich oder unwissentlich. Walter Jens beteuerte in der folgenden Debatte, nichts gewusst zu haben, sich nicht mehr erinnern zu können: „So nachdrücklich ich immer betont habe, dass ich in der Hitlerjugend war, so nachdrücklich habe ich immer gesagt, dass ich nicht in der Partei war“, bekannte er in einem Interview. Und: „Es kann ein Irrtum sein. Ich habe keinen Beweis gegen mich, aber auch keinen für mich.“

Sein Sohn ist entsetzt, „mir wird kalt, ich beginne zu zittern“, schreibt Tilman, der von seinem Vater zu Klarheit und Wahrheit erzogen wurde, dazu, nicht überall bedenkenlos mitzumachen und das Gegen-den Strom-Schwimmen als Tugend zu betrachten. „Ich finde mich undankbar. Wie oft ist er mir, als ich in Not war, beigestanden. Und jetzt, da er mich, wie ich spüre, vielleicht zum ersten Mal braucht, kann ich ihm, auch zum ersten Mal, nicht glauben.“ Solche Passagen sollen belegen, wie schwer Tilman Jens sich womöglich damit getan hat, sich von genau dem Vater zu verabschieden, den er kennengelernt hat und von dem er erzogen worden ist. Wie schwer er damit zu kämpfen hat, liebender, geliebter Sohn zu sein, auf der anderen Seite aber Journalist und natural born 68er, dem es um Aufklärung geht, der das hartnäckige Schweigen der Vätergeneration beklagt, „die fatale Schweige-Krankheit, an der so viele Köpfe zerbrachen“, wie er auch an ein paar anderen Beispielen andeutungsweise belegt. Was dieses Buch etwas dubios macht, ist die These von Jens, sein Vater habe sich in die Demenz geflüchtet, die Krankheit sei das Ergebnis einer jahrzehntelangen Verdrängungsleistung, auch weil er nicht über die „kalte Selbstgewissheit eines Günter Grass“ verfüge.

Anzeichen dafür sieht der Sohn darin, dass es dem Vater nicht mehr gelingt, eine Autobiografie zu schreiben, „der Mensch interessierte mich plötzlich nicht mehr“, wie Walter Jens verlautbarte. Das kommt dem Sohn, gerade auch wegen dem Wort „plötzlich“ spanisch vor, besser: typisch deutsch. Und es lässt ihn die Frage stellen, die auf vielen Seiten mitschwingt: „War es wirklich ein Zufall, dass Dich das große Vergessen, die Demenz, der heimtückische Nebel, so hat es John Bayley gesagt, just in dem Augenblick überkam, als ein philologisches Fachlexikon die Existenz der NSDAP-Mitgliedskarte 9265911 offenbarte?“

So eine Frage kann nur ernsthaft stellen, der fest daran glaubt, wie anscheinend Tilman Jens, dass jede Krankheit immer auch eine Metapher darstellt, jede Krankheit psychische Ursachen hat. Schulmediziner jedoch dürfte es „kalt umwehen“ ob dieser Engführung von Verdrängung, Scham und Krankheit, zumal die organischen Prozesse bei Walter Jens, die Proteinablagerungen in seinen Hirnzellen, computertomografisch belegt sind. Es ließe sich also genauso leicht sagen: Walter Jens wäre so oder so an Demenz und Alzheimer erkrankt, ein reines Gewissen hin oder her. Eine Erkrankung wie diese, wie jedes Karzinom, jedes Gelenkleiden, kann leider auch etwas schrecklich Profanes, etwas schrecklich Körperbezogenes haben. Als weiteren Beleg für seine These führt Jens an, dass sein Vater nicht wie ein anderer Alzheimer-Kranker, der Vater der niederländischen Journalistin Stella Braam, überall Zettel anbrachte, als Krankheits-Gegenwehr sozusagen: „Wer vergessen will, wer sich nicht mehr erinnern mag, die Verbindungen zur Vergangenheit kappt, der braucht keine Gedächtnisstützen.“

Das hat dann was Hanebüchenes. Man fragt sich bei solchen Sätzen, wie diese Beziehung wirklich aussah. Wie nahe Tilman Jens zum einen die Krankheit des Vaters geht, dessen mutmaßlicher Hang zum Vergessen, zum Nur-ungefähr-Erinnern zum anderen. Der also ein Buch schreibt, das durchaus das voyeuristische Interesse befriedigt. Der dann aber auch eine bis dato scheinbar intakte, fast bewundernde Beziehung zum Vater schildert und diesen in entscheidenden Stellen melodramatisch in der zweiten Person anredet: „Aber wir hätten Abschied nehmen können, Bilanz ziehen einer über 50-jährigen Vater-Sohn-Geschichte, die für mich, das hätte ich Dir gern noch einmal gesagt, meist um einiges einfacher war, als mir viele einreden wollten. Nein, Du hast mich nicht in Deinen Schatten gestellt.“

Der Abschied ist also ein einseitiger (nimmt man eigentlich auch Abschied von Kindern, die zu Erwachsenen heranreifen?). Am Schluss immerhin nimmt Jens die Sterbehilfedebatte auf, fragt sich, ob man seinen Vater wirklich aktiv dem Sterben anheim geben soll, thematisiert, was es bedeutet, mit einem Demenzkranken zu leben – nicht ohne darauf hinzuweisen, dass Walter Jens einmal gesagt hat: „Ich glaube nicht, dass derjenige, der am Ende niemanden mehr erkennt von seinen nächsten Angehörigen, im Sinne des Humanen noch ein Mensch ist. Und deshalb, denke ich, sollte jeder bestimmen können, dann und dann möchte ich, dass ich sterben darf.“

Dass vielleicht auch ein Demenzkranker noch ein menschenwürdiges Dasein führt, das aber hat Inge Jens eindrücklicher, reflektierter als ihr Sohn in einem „Nach-Wort in eigener Sache“ zu der aktualisierten Ausgabe von „Menschenwürdig leben“ beschrieben: „Traurig, beschämt, sich selbst entfremdet, verzweifelt“, all das sei ihr Mann. „Aber die Frage, ob das Leben dadurch unzumutbar für ihn geworden ist, beantwortet auch diese Erkenntnis nicht.“

Walter Jens kann sich nicht mehr dagegen wehren, wie er und sein Leiden öffentlich gemacht werden. Das hat eine eigene Tragik, die er früher womöglich gar nicht als eine solche betrachtet hätte. Er selbst hat, das beschreibt auch sein Sohn, nach einer schweren Depression in den achtziger Jahren keinen Hehl aus dieser seinerzeit ebenfalls gesellschaftlich tabuisierten Krankheit gemacht und über sein Leiden Auskunft gegeben, „so wie er es gewohnt war“, wie Tilman Jens schreibt: „in öffentlicher, zugespitzter Rede“. Zumindest hier schließt sich der Kreis, bekommt auch ein Buch wie dieses den Segen des Vaters.

Tilman Jens: Demenz. Abschied von meinem Vater. Gütersloher Verlagshaus. Gütersloh 2009. 141 S., 17, 95€.

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