Kultur : Walter Kempowski stellt sein "Echolot II" vor

Falko Hennig

Von der U-Bahn-Station Oskar Helene Heim ist es nicht weit zum Alliierten Museum. Beeile mich vorbei an bronzenen Pferden, die über Mauertrümmer stürzen, eine rechte amerikanische Cowboy-Idee um den Wind der Freiheit darzustellen. Dann beim Alliierten Museum symobolisiert der Rosinenbomber auf dem Vorplatz, dass es hier nur um die guten Alliierten geht, also Frankreich, England, USA, die Sowjetunion hat ihr eigenes Museum in Karlshorst.

Ungefähr 120 Zuschauer sitzen in dem mit Kriegsandenken ausgestatteten Saal, ein historischer Jeep, Uniformen, Rias-Utensilien. Kempowski, die Schauspieler Wolfgang Condrus und Klaus Herm sowie Christian Richter von der Buchhandlung Schleichers nehmen auf dem Podium Platz, Fotografengeknippse. Der Buchhändler spricht einleitende Wort, ein Echolot sei ein nautisches Tiefenmessinstrument. Der "Spiegel" hätte Echolot als eines der letzten literarischen Wagnisse dieses Jahrhunderts bezeichnet. Dann beginnt die eigentliche Lesung.

Kempowski liest nur das Datum, 12. Januar 1945 und wieviele Tage es noch bis Kriegsende sind. Dann die beiden Schauspieler abwechselnd aus Tagebüchern und Briefen dieses Tages, von Göbbels, russischen Rotarmisten, KZ-Häftlingen, vielen Unbekannten und dem Leibarzt Hitlers: "Nach Befinden gefragt. Führer dreimal gegen Holz geklopft und gesagt: Sehr gut!"

Nach fast einer Stunde ist gerade mal dieser erste Tag vorgetragen und es beginnt der zweite: Sonntag, der 13. Januar 1945. Tatsächlich gelingt es, durch die Komposition von Schrecklichem neben Banalem das Leiden, das Unglück begreifbar zu machen, indem es aufnehmbar, verdaulich wird.

Gegen 21 Uhr folgt noch das Gespräch, was ihn getrieben habe Echolot zu schreiben? Diese Gleichzeitigkeit von größtem Blutbad und Harmlosigkeit, die er in den Tagebüchern seiner Sammlung gefunden habe. Der Buchhändler fragt auch noch, was er zu den Vorwürfen sage, er relativiere im Echolot KZ-Grauen und SS-Terror. Kempowski fasst sich kurz: Diese Kritiker haben nicht alle Tassen im Schrank. Die Leiden der ostpreußischen Flüchtlinge dürfe man dem mündigen Volk in einer Demokratie, als die er die Deutschen sieht, nicht vorenthalten.

Auch die beiden Schauspieler werden nach ihrer Meinung gefragt und geben sich beide beeindruckt. Kempowski merkt noch an, dass er diese Tagebücher, die sonst auf dem Sperrmüll gelandet wären, in dieser Form der Gesellschaft zurückgäbe. Soll es nach Echolot I und II noch weitere Echolote geben? Echolot III, sagt Kempowski, beginne mit der westlichen Offensive bei Remagen und gehe bis zur Entdeckung des ersten KZs in Bergen Belsen durch die Alliierten. Zum Beginn von Echolot IV dann, das nur in Berlin handele, steige Hitler in seinen Bunker und es ende mit der deutschen Kapitulation. Die Erschießung von drei Matrosen kurz vor der Kapitulation wäre der Abschluss.

Dann noch Zeitzeugenberichte aus dem Publikum, eine Frau beschwert sich, dass Frauen so wenig vorkämen. Wieviel sie gelesen habe, fragt Kempowski, 38 Seiten. Echolot II habe 3200 Seiten und Frauen kämen überproportional viel vor. Sie solle es doch durchlesen und ihm einen Brief schreiben, ob sie immer noch dieser Meinung wäre.

Nach dem Schlussbeifall bildet sich die Schlange zum Signieren. Er wolle, unabhängig von den Lesungen mit Schauspielern, das Echolot allein in Kirchen vorlesen, egal ob jemand käme oder nicht, einmal pro Woche, mehr schaffe er nicht. Das wäre die richtige Räumlichkeit dafür, er glaube ja an die Verbindung mit den Toten.Heute ab 10 Uhr lesen in der Matthäuskirche am Kulturforum 16 Schauspieler und Walter Kempowski 12 Stunden lang aus Echolot II.

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