Walter Kollo und das alte Berlin : Wenn der Vater mit dem Sohne

Willi Kollos Erinnerungen an Walter Kollo und das alte Berlin

Rainer Moritz

Selbst musikalischen Kostverächtern fällt es nicht schwer, den Namen Kollo mit vielen Bühnenhöhepunkten des 20. Jahrhunderts zu verbinden. Ob Wagner Sänger René Kollo, dessen Karriere mit Schlagern wie „Hello, Mary-Lou“ begann, ob sein Vater Willi Kollo, der Revuen, Drehbücher und Romane schrieb, oder Großvater Walter Kollo (1878 – 1940), dessen Operettenklassiker wie „Drei alte Schachteln“ oder Evergreens wie „Mein Papagei frisst keine harten Eier“ bis heute unvergessen sind.

An Letzteren erinnern nun autobiografische Aufzeichnungen, an denen sein Sohn Willi bis zu seinem Tode 1980 kontinuierlich schrieb. Renés Schwester Marguerite, selbst Musikverlegerin und Agentin, hat diese bis ins Jahr 1946 reichenden Texte durchgesehen und aus den Nachlassschubladen an die Öffentlichkeit geholt.

Willi Kollo, der sich viel auf seine schriftstellerische Begabung zugute hielt, arbeitet sich in diesen Memoiren an der Vita seines berühmten Vaters ab. Erst spät begann er, sich dessen Lebensumstände zu vergegenwärtigen und ein offenkundig kompliziertes, von Amouren des Vaters getrübtes Familienbild zu rekonstruieren. Der Reiz des Buches liegt vor allem darin, das Berliner Milieu im ersten Viertel des vergangenen Jahrhunderts wieder lebendig zu machen und anekdotenreich an herausragende Akteure wie Heinrich Zille, Claire Waldoff, Fritzi Massary, Paul Lincke oder Jean Gilbert zu erinnern. Willi Kollo lässt Revue passieren, was den Charme Berlins in den Zwanzigerjahren ausmachte, und hält mit Einschätzungen, Urteilen und Plagiatsvorwürfen (etwa gegen Robert Stolz) nicht hinter dem Berg. Davon ausgehend, dass er von Zeitgenossen nicht als „liebenswürdig“ angesehen wurde, fühlt er sich mit einer gewissen Naivität allein der „Wahrheit“ verpflichtet. Spitzzüngig und gelegentlich blasiert versucht Kollo literarischen Esprit („Alice Hechy war oben, von der Büste an, sehr gut gewachsen, ließ nach unten hin stark nach ...“) und weltanschaulichen Ernst miteinander zu verbinden.

Alsbald stellt sich heraus, dass seine Erinnerungen zuerst eine kritische Auseinandersetzung mit dem Vater sind. Aus dessen Fußstapfen will der talentierte Jüngling heraustreten und spürt doch sofort, wie sehr das Licht des Hochdekorierten Schatten auf ihn zu werfen droht. Unterschwellig wird deutlich, wie Willi Kollo auch Jahrzehnte nach dem Tod des Vaters unter dessen Dominanz litt, wie er ihm Eifersüchteleien unterstellt – ganz so, als habe Walter Kollo seinen früh mit wenig überzeugender Lyrik debütierenden Sohn in Schach halten wollen.

Obwohl diese Memoiren stilistisch und kompositorisch nicht wie aus einem Guss wirken, enthalten sie einen großen Reichtum an Detailbeobachtungen und Kommentaren zur Kunst- und Politikszene jener Jahre. Ein wenig nebulös gerät die Rückschau freilich, als sich der bekennende Oswald-Spengler-Leser an seine Kontakte mit den Nationalsozialisten und seine Jahre der „inneren Emigration“ entsinnt. Was die Beschreibung dieser Phase angeht, das ist dem Text deutlich anzumerken, mangelt es Willi Kollo an jenem Biss, der andere Passagen so lesenswert macht. Sätzen wie „Ich igelte mich ein, um so passiv wie möglich zu sein. Wenn das Schicksal mich irgendwo hinschob, bitte, aber anbieten würde ich mich nicht“ haftet viel Zeittypisches und viel Unbefriedigendes an. Über die Rolle der Unterhaltungsmusik im „Dritten Reich“ lässt sich jedoch gerade deshalb einiges erfahren in diesem Buch.

Willi Kollo: „Als ich jung war in Berlin ...“. Literarisch-musikalische Erinnerungen. Schott Music Verlag, Mainz 2008. 367 Seiten und 1 CD, 22,95 Euro.

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