Kultur : Walter Müller-Wulckows Kompendium der Moderne ist neu erschienen - ein Leitfaden

Bernhard Schulz

In jüngerer Zeit hat eine Reihe viel diskutierter Ausstellungen eine "andere Moderne" in den Blick genommen. Im Kern ging es darum, die Architekturgeschichte nicht länger einseitig auf die Herausbildung des International Style, auf Bauhaus und die Folgen zurechtzuschneiden. Eine Fülle in Vergessenheit geratener Namen tauchte auf, vor allem für die kurze, aber so ungemein intensive Zeit der Weimarer Republik.

Was in diesem "langen" Jahrzehnt der zwanziger Jahre, also zwischen 1919 und 1933 gebaut wurde, ist als zusammenhängende Leistung durch die Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs und den Kahlschlag der Nachkriegszeit nicht mehr zutreffend zu erkennen. Neben den gepflegten Ikonen der Architekturgeschichte sind die Bauten weniger bekannter Architekten aus dem Stadtbild getilgt oder bestenfalls überformt worden. Aber schon diese Trennung zwischen besserer und vermeintlich minderer Architektur ist anfechtbar. Sie ist nachträglich entstanden, gesehen durch den Filter der international verbreiteten Moderne. Die Epoche der zwanziger Jahre selbst war sich im Urteil keinesfalls sicher. Die Moderne war seinerzeit heftigst befehdet, mitnichten aber in einer breiten Öffentlichkeit durchgesetzt. Die Gegenströmungen einer konservativen Baugesinnung andererseits unterlagen noch nicht dem ex post-Verdacht auf Nähe zum Nationalsozialismus.

Auf diesem Hintergrund ist es um so verdienstvoller, dass die vier berühmten Bände der einst als "volksbildend" gedachten Reihe "Die Blauen Bücher" über die Bauten der damaligen Zeit jetzt neuerlich aufgelegt worden sind. Ein erster Reprint der von dem Kunsthistoriker Walter Müller-Wulckow zusammengestellten Bände über die "Bauten der Arbeit und des Verkehrs" (1925), über "Wohnbauten und Siedlungen" und die "Bauten der Gemeinschaft" (beide 1928) sowie "Die deutsche Wohnung der Gegenwart" (1930) erschien bereits 1975 - passend zum Denkmalschutzjahr, dessen Auswirkung auf das öffentliche Bewusstsein vom Wert der Denkmalpflege kaum überschätzt werden kann. Seither hat sich der Kenntnisstand über die kulturellen Leistungen der Weimarer Epoche enorm verbreitert. Nach zahlreichen, aus heutiger Sicht unternommenen Untersuchungen ist es hohe Zeit, sich den Horizont der damaligen Zeit zu vergegenwärtigen.

"Der" Müller-Wulckow ist mit 451 Abbildungen und 69 Plänen - gerechnet nach den jeweils letzten, durchweg stark überarbeiteten Auflagen der Einzelbände aus den Jahren 1929/1932 - das umfangreichste Kompendium der Architektur der damaligen Zeit. Der Verweis auf die Abfolge der Erscheinungsjahre ist überaus wichtig: Denn im Verlaufe dieser wenigen Jahre bildete sich ja überhaupt erst heraus, was seither unter dem programmatischen Begriff "neues bauen" gefasst wurde. Müller-Wulckow, der bei Ludwig Dehio, dem Begründer und Theoretiker der Denkmalpflege in Deutschland, promoviert und als Universitätsassistent gearbeitet hatte, bevor er eine Doppelkarriere als Kritiker und Museumsleiter einschlug, verstand sich als Chronist, nicht als Propagandist. Das macht seine Bücher heutzutage so wertvoll. Sie stellen bedeutende Bauten neben solche, die heute als unentschlossene oder epigonale Adaptionen zeitgebundener Formen erscheinen. So machen sie anschaulich, in welch breitem Spektrum in den zwanziger Jahre gebaut wurde, bevor die Bauhaus-Moderne kanonisch wurde.

Über den Reprint von 1975 hinaus dokumentiert die zweibändige Neuausgabe die Überarbeitungen der vier Bände in ihrer Entstehungszeit. Das betrifft zum einen die Auswahl. Müller-Wulckow fügte neue Bauten hinzu, ließ andere dafür weg und schärfte so in den letzterschienenen Auflagen den Blick auf die nun weit verbreitete Moderne. Besonders augenfällig wird diese - mitnichten dogmatische, aber doch von spürbarer Sympathie getragene - Stellungnahme in der Auswahl der Wohn- und Siedlungsbauten, die die sozialen Errungenschaften der Weimarer Republik spiegeln. Fast mehr noch als bei den Inkunablen einer klassisch gewordenen Moderne spürt der Betrachter aus den Aufnahmen weniger bekannter Bauten das Pathos des Sozialen. Stilistisch weit heterogener fällt die Auswahl der Wohnungseinrichtungen aus, unter denen Entwürfe der kompromisslos modernen Marcel Breuer oder Ludwig Hilberseimer ebenso vertreten sind wie vom großbürgerlichen Erich Dieckmann oder gar dem Wiener Josef Hoffmann. Der Unterschied dieser Auswahl etwa zu derjenigen Siegfried Giedions in seinem Pamphlet "Befreites Wohnen" könnte auffälliger kaum sein.

Zum anderen werden aus dem Verlagsarchiv die vielfältigen Überarbeitungen des Bildmaterials dokumentiert. Retuschen gehörten zum Handwerkszeug. Die gewünschte Monumentalität der Bauten wurde, wo nötig, durch Übermalen störender Alltagsdetails erzeugt. Was aber den jetzigen Reprint vollends zu einer erstrangigen Quelle zum Verständnis der damaligen Zeit macht, ist die auszugsweise Wiedergabe von nicht weniger als 425 zeitgenössischen Buchrezensionen. Müller-Wulckows Arbeit wird durchaus kritisiert. So urteilt die "Basler Zeitung" 1928 - völlig zu Recht -, in der Auswahl der "Bauten der Gemeinschaft" mache sich "viel falsche Monumentalität breit." Einem "wirklich modernen Gemeinschaftsgefühl" entsprächen nur sehr wenige Bauten - "unter den letzteren weit voraus das Bauhaus in Dessau". Vielleicht am besten wird sich Müller-Wulckow in einer Besprechung von 1929 verstanden haben, die seine Bücher "nicht eine Reklame für eine Richtung" nennt, sondern als "von hohem Qualitätsgefühl getragenen Querschnitt durch unsere Zeit" lobt. So darf man sie auch mit heutigen Augen lesen: als Handbuch einer in großer Formenvielfalt aufblühenden Architektur, die wenig später in ihrer Entwicklung unterbrochen und auf dem Niveau eines "gesunden Volksempfindens" NS-gemäß "gleichgeschaltet" werden sollte.Walter Müller-Wulckow: Architektur 1900 - 1929 in Deutschland. 2 Bände: Reprint und Materialien zur Entstehung sowie Essays. Die Blauen Bücher. Verlag Langewiesche, Königstein 1999, br. 138 DM (einzeln 98 / 48 DM).

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben