Kultur : Walweise

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Peter von Becker sieht Moby Dick

in den Fängen der Fischfreunde

„Intelligent People Eat Intelligent Food“. Das ist kein Slogan von Schlanken und Grünen, sondern das ironische Bekenntnis zu eher fett und tranreicher Kost. Tatsächlich meint der populäre Satz auf norwegischen T-Shirts vor allem dies: ein Plädoyer für den Walfang.

Dabei liegt der Witz im Sarkastischen. Denn Wale gelten als besonders intelligent, sind womöglich gar musische Liebhaber – weshalb ihre ultraschallhaften Gesänge auch zur beliebten Meditationsmusik der westlichen Menschheit wurden. Nur einige eistaube Nordländer und die fernöstlichen Japaner wollen diese schwimmenden Sänger und Säuger partout nicht schützen noch hegen. Sondern harpunieren und massakrieren. Darüber wird jetzt wieder in Berlin gestritten, bei der 55. Konferenz der Internationalen Walfangkommission. Ein Kampf der Kulturen, bei dem sich beispielsweise Amerikaner und Deutsche als maritime Umweltschützer ausnahmsweise einig sind.

Es gibt ja inzwischen anderes Öl. Und andere Lichtquellen als zu Zeiten von Herman Melville, der vor gut 150 Jahren mit seinem Epos von „Moby Dick“ dem Walfang und dem Wal-Wahn (Käptn Ahabs, auf der Jagd nach dem weißen Monster) sein unvergleichliches Denkmal gesetzt hat. Seit Erfindung der Elektrizität ist die Walöllampe obsolet, und seit die Pharmaindustrie und der globalisierte Gemüsehandel uns ganzjährig mit Vitaminen versorgen, ist der tägliche Löffel Lebertran ein längst verblichener Kindheitsschrecken. Irgendwie, denkt der wallose Mitteleuropäer, müsste sich das Walproblem doch endlich erledigt und auch für die paar walfängerischen Wikinger ein ökonomischer Ausgleich gefunden haben.

Doch der Walfall reicht tiefer. Dieser König der Meerestiere, den unsere romantischen Empfindungen als schwergewichtiges Urgeschöpf zugleich ins Harmonisch-Elegante verklären, er rührt ans Mythische. Ein Wal ist in der Bibel nicht nur der Retter Jonas, sondern auch die dämonische Gestalt des Leviathan. Eben daran erinnert Melvilles Moby Dick, und der amerikanische Erzähler, der den Kampf mit dem Wal durchaus als kühnes, kriegerisches Gemetzel beschreibt, hat schon die Frage gestellt, warum im Unterschied zu den großen Walfängern die Anführer der Kriege des Menschen gegen die Menschen so viel mehr Respekt erfahren.

Übrigens, ein nordamerikanischer Indianerstamm hat vor dem Obersten Bundesgericht erstritten, wenigstens ein Mal im Jahr noch sein kultisches Recht auf den alten Walfang wahrnehmen zu können. Mit Harpunen, die keine heutigen Sprengladungen in dem Körper der Tiere zünden. Was ihren Todeskampf freilich verlängert. Ausnahmsweise treffen so auch Indianer und Umweltschützer als Gegner aufeinander. Aber die alte Jagd, mit Seglern, in Kanus, mit dem Speer, mit Leibeskraft und Lebensgefahr – sie war womöglich eine „humanere“ Variante. Denn die Motorisierung der Meere hat in der Tiefe der Ozeane ohnehin die Stille vertrieben, und wir ahnen kaum, welche Pein dem feinhörigen, singenden (wehklagenden?) Leviathan in der neuen sonaren Hölle droht. Ungefangen, doch für immer gejagt.

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