Kultur : Wand & Werk

Meister der Kurven: Basel würdigt Ellsworth Kelly

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Der rechte Winkel und das Quadrat waren das kämpferische Signet der modernen Kunst seit Malewitsch und Mondrian. Um 1915 gegen die Naturformen gesetzt, etablierte sich das Abstrakte vor dem Alltags-Realismus. Die traditionelle Kunst vermittelte Visuelles auf einer viereckigen Leinwand samt Rahmen. Wie immer: wild das Motiv, bunt die Farben, schreiend die Botschaft, das Bildfeld blieb ein illusionistisches Fenster, mit Gegenständen vor einem Hintergrund.

Dagegen entwickelte der New Yorker Maler Ellsworth Kelly seit 1970 einen neuen Kunstkanon, indem er die Bildform vom Bildgrund befreite und monochrome Werke schuf. „Meister der Kurven“ nannte Gottfried Böhm den heute bald 80-jährigen Künstler, der mit einer großen Ausstellung in der Fondation Beyeler in Basel-Riehen geehrt wird: eine Bilderschau von fulminanter Qualität in einem der elegantesten Ausstellungshäuser Europas. Schade, dass sie danach nicht in Berlin gezeigt wird, besitzt doch die Nationalgalerie an der Potsdamer Straße ein großartiges graufarbenes Werk von Kelly. Vielleicht würde die Ausstellungshalle von Mies van der Rohe kongenial wiederbelebt.

Das Kunstwerk ist bei Ellsworth Kelly nicht rechtwinklig. Die Formen fordern ein neuartiges Verhältnis zur Wand: „Hanging pictures, if they are not rectangular“ (Kelly) wird zur Herausforderung. Das Bild ist kein virtuelles Fenster, sondern pure Farbform. Dabei haben die Werke keinen Rahmen: Weder behaupten sie sich gegen die Wand, noch grenzen sie sich von ihr ab. Die Wand wird zum ästhetischen Ensemble, wird Teil des Kunstwerks. In Basel sind außerdem einfarbige, stelenförmige Plastiken zu sehen, die Kellys konsequente Erweiterung in den dreidimensionalen Raum zeigen. Und im Park reflektiert ein weißes Aluminium-Kunstwerk die umgebende Landschaft wie sich selbst. Jeannot Simmen

Fondation Beyeler, Riehen bei Basel, bis 19.1.2003. Der Katalog kostet 49 CHF.

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