Kultur : Wandelkonzert

Der Rias-Kammerchor in der Gethsemanekirche

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Ein Werk, das in diesem Jahr seinen 400. Geburtstag feiert, wird vom Rias-Kammerchor partnerschaftlich mit der Akademie für Alte Musik Berlin präsentiert: die Marienvesper von Claudio Monteverdi. Ein herausforderndes, kühnes Saisonfinale. Eine Revolution der Kirchenmusik. Der Komponist eines neuen Stils scheut sich hier nicht, dieselbe Tonsprache anzuwenden wie in seinen Opern. Wurde nicht auch Verdis Requiem als Oper auf den Stufen des Altars charakterisiert?

Die der Jungfrau Maria gewidmete Messe stellt einen für die damalige Zeit gigantischen Versuch dar, die alten PsalmAntiphonen und Hymnen mit der jungen Monodie, der opernhaften Instrumentalmusik und modernen Wortdeutung zu verbinden. Offenkundig ist die Nähe des solistischen Nigra sum („Ich bin schwarz, aber gar lieblich“) zu dem berühmten Lamento d’Arianna aus einer verschollenen Monteverdi-Oper. In der Gethsemanekirche wird leidenschaftlich musiziert: ein Wandelkonzert für die Sänger, weil der sechsstimmige Chor sich bis zum acht- und zehnstimmigen Doppelchor aufteilt. Virtuosität blüht in stilistischen Grenzüberschreitungen: opernhafte Koloraturen, tänzerisches Ritornell, Cantus-firmus-Technik. Sancta Maria ora pro nobis.

„Vespro della Beata Vergine“, der Titel für die heilige Jungfrau: Man fühlt den Reichtum, die Vielfalt, die Textinterpretation, wenn das Lob der Dreieinigkeit ins Unisono gleitet oder wenn im Magnificat misericordia, die Barmherzigkeit, ausgemalt wird. Chefdirigent Hans-Christoph Rademann hält alles wohl in der Hand, vom Solistenensemble mit den flexiblen Tenören James Elliott und Andreas Karasiak bis zum einstimmigen Gesang der Männer. Es ist die Akustik der Kirche, die viele der aparten Klangmischungen schluckt, im Detail (Blockflöte) eher eine Zukunftsmusik zum Sehen. Und doch: Die Fülle lebt. Sybill Mahlke

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