Wanderausstellung : Ausgewachsen

Sechs Jahre liegen die Anfänge des Projekts „Schrumpfende Städte“ mittlerweile zurück, nun sind die Projektmacher unter Leitung von Philipp Oswalt nach Berlin zurückgekehrt.

Bernhard Schulz

BerlinIn den Kunstwerken in der Auguststraße hatte die Wanderausstellung 2004 Premiere; nun ist sie in weiterentwickelter Form in der Akademie der Künste am Pariser Platz zu sehen.

Das Problem der Schrumpfung ist keineswegs überwunden. Anfangs schien das Thema etwas ostlastig. Davon ist mittlerweile weniger zu hören; nicht, weil die ostdeutschen Kommunen ihre Schrumpfungsprozesse durchweg hätten stoppen oder gar umkehren können, sondern weil das anfangs so stigmatisierte Programm des „Rückbaus“, also des Abrisses von Wohnraum, in der Öffentlichkeit mittlerweile akzeptiert ist. Und weil zudem, wie die Ausstellung vorführt, mittlerweile Strategien des Umgangs mit dem Schrumpfungsprozess an die Stelle dessen bloßer Analyse getreten sind.

Es sind die Hoffnungen der vergangenen 40 Jahre, die die Ausstellung vorführt, von der „Neuinterpretation“ der Stadt am Beispiel von Old Staffordshire (Cedric Price, 1963-66) über Oswald Mathias Ungers' „Stadtarchipel“ für West-Berlin 1977 bis zur „Do-it-yourself-Stadt“ Detroit unter dem Motto „Mach was aus deinem Grundstück!“ (Interboro, 2005).

Im hintersten Saal sind dann die aktualisierten „Prognosen“ auf Bannern oder illustriert durch statistische Kurven nachzulesen. Überraschenderweise wird nicht nur China, sondern auch Indien nach einem Höhepunkt zur Jahrhundertmitte an Bevölkerung abnehmen. Die Urbanisierung wird durch den Klimawandel zunächst beschleunigt, zumindest in den von Trockenheit bedrohten Gebieten Afrikas und Mittelasiens. Die Schrumpfung der Städte folgt in den entwickelten Gebieten vor allem Nordamerikas einem merkwürdigen Verlauf: Zwar nehmen die Suburbs ab, aber nur, um durch noch weiter außen liegende Vorstädte abgelöst zu werden. An solch einem Beispiel zeigen sich die Grenzen der Prognostik: Viel kann passieren, um solche Trends radikal abzubrechen; die US-Hypothekenkrise ist ein Menetekel.

Das von der Bundeskulturstiftung geförderte Projekt „Schrumpfende Städte“ hat mit seinen mittlerweile drei publizierten Büchern reichen Ertrag gebracht. „Im 21. Jahrhundert wird die historisch einmalige Wachstumsepoche, die mit der Industrialisierung vor 200 Jahren begann, zu Ende gehen“, lautet die Kernthese. Doch für die anfängliche Nostalgie haben die Projektmacher keinen Platz mehr: „Am Ende des 21. Jahrhunderts werden sich städtische Schrumpfungs- und Wachstumsprozesse die Waage halten.“ Keynes pflegte zu sagen „Auf lange Sicht sind wir alle tot“. Aber, mag man mit Blick auf die hochinformative Ausstellung hinzufügen: Wann und wie genau wir zu Tode kommen, das ist eine offene Frage.

Akademie der Künste, Pariser Platz 4, bis 23. Nov., Di-So 11-20 Uhr. Schrumpfende Städte, Bd. 1: Internationale Untersuchung (2004), Bd. 2: Handlungskonzepte (2005), Atlas der schrumpfenden Städte (2006), je 39,80 € (Bd. 2 in der Ausst. 15 €).

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