Kultur : Wanderer, kommst du

Jan Schulz-Ojala grüßt die Kulturhauptstadt Patras

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Na, wer war letztes Jahr Europäische Kulturhauptstadt? Investigativrecherchen ergeben: Cork. Ein Städtchen in Irland, berühmt vor allem – trotz der immerhin 4000 kulturhauptstädtischen Veranstaltungen – für seinen Wind, seinen Regen, sein Bier.

Das griechische Patras dagegen, aktueller Träger des 1985 von der Griechin Melina Mercouri erfundenen und jährlich wandernden EU-Ehrentitels, kommt unheimlich groß raus. Mit einem PR-Knalleffekt. Alle warten auf das Ereignis. Und dann kommt nichts. Ganz recht: nichts. Und wieder nichts.

Silvester fing es an. Überall in Griechenland die jahresendüblichen Feste und Feuerwerke, nur in Patras blieb es finster. Dann tauchte der Künstlerische Leiter des Kulturhauptstadtprogramms aus wochenlanger Versenkung auf – und gleich wieder ab: Markerschütternd verkündete er seinen Rücktritt. Derzeit widmet sich ein eilig berufener Nachfolger der Aufgabe, eine skizzenhafte Liste möglicher Veranstaltungsideen noch vor Jahresende mit Leben zu füllen.

Nein, überrascht wurde die überwiegend für ihr reges Nachtleben bekannte peloponnesische Hafenstadt von der Kultur-Ehre keineswegs. Auch sind ein paar Millionen Euro im Topf. Was also führte zum Größten Anzunehmenden Unfug? Kommunaler Streit, heißt es. Und: Olympia 2004 habe zu viele Energien gebündelt. Und überhaupt: Griechen kommen bekanntlich spät, aber gewaltig.

Große Krisis also. Schon stehen Besinnungsaufsatzthemen hart im Raum: Warum hat Europa in seinen Kernkompetenzen Kultur (Hauptstädte) und Sport (Fußball-WM, Fifa, Berlin) das Feiern verlernt? Und: Droht ausgerechnet in Hellas, Wiege des Abendlandes, der viel beschworene Untergang desselben?

Gemach. Wanderer, kommst du diesen Sommer nach Patras, so sage, du habest sie feiern gesehen, wie das Gesetz es befahl. Und wenn nicht, trink dort auf der Durchreise nach Olympia einen köstlichen Frappé – den legendären kalten Kaffee der Hellenen.

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