Kultur : Wanderer zwischen den Welten

ELFI KREIS

Waldemar Grzimeks 80.Geburtstag gleichzeitig mit einer Ausstellung in Ost und einer in West zu feiern, das paßt.War Grzimek (1918-1984) doch ein Grenzgänger, der in beiden Teilen der Stadt beheimatet war.Wobei es dem Bildhauer stets um das eine, gemeinsame Ganze ging: die Kunst und in ihr um ein zeitgemäßes Menschenbild.

Dennoch - oder gerade deswegen - geriet er in den Zeiten des Kalten Krieges in Westberlin wie in der DDR zwischen die ideologischen Fronten.Bis 1951 lehrte er an der Hochschule für Bildende Künste in Berlin-Charlottenburg, dann wurde er vom Westberliner CDU-Senat entlassen, da diesem seine engen Verbindungen zum Ostteil der Stadt ein Dorn im Auge waren.Nun lehrte er an der Hochschule Berlin-Weißensee.Doch in der DDR eckte Grzimek mit seinem ersten Entwurf für ein Heine-Denkmal an und geriet im Zuge der Formalismusdebatte ins Kreuzfeuer des öffentlichen Meinungsstreits.Grzimek pendelte zwischen Ost und West, hatte Wohnung, Familie erst hüben, dann drüben: eine typische Berliner Biographie.Vor allem aber wirkte der Bildhauer als Anreger einer Künstlergeneration.Ihm kommt ein fester Platz innerhalb der Berliner Bildhauerschule zu, deren Traditionslinie von Schadow über Lehmbruck und Kolbe bis hin zu seinen Förderern Richard Scheibe und Gerhard Marcks er fortsetzte.

Zwei Ausstellungen also, in der Galerie am Wasserturm und in der Galerie Poll, wobei die Plastiken in letzerer wenig geschickt mit den Bildern der Jubiläumsausstellung "Querschnitt 1968" kombiniert sind.Die Schau bei Poll umfaßt nur dreizehn Bronzen (2900 DM bis 68 000 DM) und zwei Zeichnungen (780 DM).Zur Eröffnung konnten indes nur fünf Plastiken gezeigt werden.In beiden Galerien stammen die gezeigten Stücke aus dem Nachlaß, den die Waldemar Grzimek-Stiftung verwaltet.Im Fall der Galerie Poll praktiziert die Stiftung einen seltsamen Liefermodus: Fünf Arbeiten kamen rechtzeitig zum Geburtstag am 5.Dezember, drei Nachzügler trafen inzwischen ein, die übrigen Werke werden kommende Woche erwartet.Blickfang ist hier Grzimeks große Zweiergruppe "Umschlungenes Paar II" von 1966.

Die Galerie am Wasserturm stellt mit dreiunddreißig Plastiken (2600 DM bis 170 000 DM) sowie zwanzig Lithografien (bis 1000 DM) eine umfassende Werkübersicht vor.Sie beginnt mit einem "Elch" des Fünfzehnjährigen von 1933.Schon als Kind modellierte Grzimek im Zoologischen Garten Tierplastiken und gewann Kunstwettbewerbe.Grzimek studierte nach einer Steinmetzlehre bei Wilhelm Gerstel an der Berliner Kunsthochschule und wurde 1941 dessen Meisterschüler.In den verhältnismäßig strengen und tektonischen Arbeiten der vierziger Jahre wird Grzimeks Auseinandersetzung mit der antiken, speziell der archaischen Plastik sichtbar.Doch verstand es der Bildhauer, auf eigene und zeitgemäße Weise äußere Ruheposition mit innerer Gespanntheit aufzuladen.

Bei der ersten Fassung der "Stehenden Geschwister" von 1957 deutet sich bereits Waldemar Grzimeks Vorliebe für ungewöhnliche, bisweilen extreme Positionen und Haltungen an, mit denen er gespannte Bewegungsmomente mit zunehmender Dynamik und Dramatik formuliert.Bei den "Stehenden Geschwistern" hat die Figur einer jungen Frau den kleinen Bruder auf ihre seitlich vorgestreckte Hüfte gesetzt.Geschickt bringt Grzimek die asymmetrische optische Verschiebung und Verlagerung des Schwerpunktes durch das Verhältnis von Stand- und Spielbein und durch die Haltung der Arme ins Gleichgewicht.

Anfang der sechziger Jahre werden die Einzelfiguren und Figurengruppen immer ausladender, raumgreifender und bewegter.Ihre extremen Posen und extravaganten Haltungen sind eine pointierte Herausforderung an die Balance.Grzimek stellt existentielle Fragen, die in seiner wohl vitalsten Schaffensphase zu ganz neuen Motiven führen.1962 entsteht der "Stürzende", der im verlorenen Kampf noch alle Kraft aufbietet, sich gegen das Unvermeidliche zu stemmen.Eberhard Roters schreibt dazu in seiner maßgeblichen Werkmonografie: "Das Stürzen fasziniert ihn und das Fallen, die Wucht der Massen, die im Zusammenbruch ihrer Eigenkraft notwendig der Macht der Schwere gehorchen; die Fesselung, die Einschließung und der Kampf kommen dazu, das Ringen der Kräfte miteinander, Druck und Gegendruck, Angriff und Widerstand, Zusammenrücken und Ausdehnen, Umzingelung und Befreiung."

Die Spätwerke der 70er Jahre sind dagegen sanfte, sinnliche Huldigungen an die weibliche Erotik und Schönheit, die bei dem einen oder anderen Akt jedoch manchmal ins allzu Gefällige entgleiten.Ins Jahr 1981 datieren die letzten Bronzen "Stehender Jüngling" und "Liegende Frau".Grzimek gewann in diesem Jahr den Wettbewerb für die Gestaltung des Brunnens auf dem Wittenbergplatz.Diese Chance, ein großes Werk im öffentlichen Stadtraum zu realisieren, kommt spät.Mitten in der Arbeit stirbt er im Mai 1984.Sein Brunnen mußte im Juli 1985 ohne ihn eingeweiht werden.

Galerie am Wasserturm, Rykestraße 2, bis 23.Januar; Mittwoch bis Sonnabend 14-19 Uhr.Am 8.Januar (19 Uhr) Podiumsgespräch zu Leben und Werk.Galerie Eva Poll, Lützowplatz 7, bis 30.Januar; Montag 10-13 Uhr, Dienstag bis Freitag 11-18.30 Uhr, Sonnabend 11-15 Uhr.

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