Kultur : Wandermuseum mit Musik

AXEL BRÜGGEMANN

Eine gigantische Künstlerkarawane rumpelt durch Europa: sieben Sattelschlepper, tonnenschwere Actros-Daimler, ein Haufen Festspiel-Vagabunden. Die Russen kommen! Die St. Petersburger Mariinsky-Musiker ziehen von Ravenna nach Salzburg. Dazwischen: Ein ausgedehnter Truck-Halt in Baden-Baden. Hier gastiert der illustre Gergiev-Clan als einziges Ensemble bei den "Internationalen Opernfestspielen". Auf dem Programm, neben Puschkin-Gala, Bläserquintett, Mahlers Zweiter und Chorkonzert, zwei Großproduktionen: Wagners "Lohengrin" und Verdis "La Forza del Destino". Das Festspielspektakel ist längst zum Wanderzirkus mutiert, und Baden-Baden hockt mitten drin. Intendant Andreas Mölich-Zebhauser setzt für sein Schuldenetablissement auf Koproduktionen: Im nächsten Jahr wird in Salzburg "Idomeneo" produziert - als Einstimmung nun das Mariinsky-Gastspiel. Valery Gergiev hat den riesigen Festspieltempel schon in der ersten Saison gerettet, als er kurzerhand für den verstorbenen Sir Georg Solti einsprang. Dann, als das Geld ausging, hat er auf Teile der Gage verzichtet und für seinen "Freund" Mölich-Zebhauser Vorstellungen vor Freikartenpublikum dirigiert. Gergiev verkörpert den modernen Musiker. Ein Handyman. Auf der Pressekonferenz piepen vor dem bärtigen Russen gleich drei Telephone durcheinander. Eins für Mariinsky-Großsponsoren wie Philips, eins für Gastdirigate des zausigen Maestro und das dritte für Maßnahmen zur Kapitalisierung der einstigen Sowjetoper? Das St. Petersburger Theater ist längst ein konkurrenzfähiges Unternehmen, Gergiev sein Supermanager. Besonders im Fall Wagner. Gergievs Orchester spielt, wie er dirigiert: wild.Der Maestro mit den expressiven Gesten will kein Taktschläger sein, sondern ein Aufwühler. Den frühen Wagner modelt er um zum wahren "Italiener". In der Liebesgeschichte vom Schwanenritter sucht er weniger die chromatisch gedehnte Psycholiebe als den turbulenten Seelenexzeß mit Pauken und Trompeten. Gergiev prescht durch den Hochzeitsmarsch, als wolle er sagen: Das kann ja nichts werden mit dieser überstürzten Ehe. Auch in "La Forza" inszeniert er in archaischen Ausbrüchen, auf Forte folgt Fortissimo. Er lotet die dynamischen Bögen bis zum Bersten aus, badet in Generalpausen, liest das Alte dramatisch neu. Wie anachronistisch dazu die szenische Umsetzung: Die Theater-Trucks haben ein ganzes Wandermuseum mit Musik geladen. Verdis "La Forza" präsentiert sich als historische Rekonstruktion. Auf der Bühne: Andreas Rollers St. Petersburger Uraufführungsausstattung von 1862, Klostergänge, gespenstische Waldwelten, und heitere Herbergen. Eine große Oper mit acht Umbauten von Augenweide zu Augenweide. Ein Bühnenbild, das nach Geschichte riecht. Die Oper als Zeitmaschine. Eine verstaubt museale Mottenkiste dagegen das flamboyante "Lohengrin"-Ambiente von Evgeny Lysyk. Dabei sind diese Ausstattungsschinken und die statischen Regiekonzepte von Konstantin Pluzhnikov ("Lohengrin") und Elijah Moshinsky ("La Forza") durchaus kein russischspezifisches Phänomen. In Abwandlung füllt das Altbackene schließlich auch westlich von Europa, in den USA, seit jeher Publikumsbänke. Daß der europäische Musikzirkus zuweilen große russische Kräfte zehrt, offenbart sich bedrohlich im Sängerensemble: Was ist nur aus Galina Gorchakovas schlank glänzendem Sopran geworden? Die Diva ist als Verdi-Leonora Schatten ihrer Stimme: mangelndes Passaggio, wenig Gestaltung und viele falsche Töne. Doch schon drängt der Nachwuchs: Victor Lutusik, der spontan für Gösta Winbergh einsprang, läßt als Lohengrin aufhorchen: Ein baritonaler, schwer timbrierter, aber höhensicherer Tenor, dem es einzig noch an lyrischer Geschmeidigkeit und technischer Raffinesse mangelt. Ihm zur Seite Tatiana Pavlovskaya als perfekt phrasierende Elsa. Durchaus ein Bayreuth-Gespann!Ohne Ermüdungserscheinungen schmilzt der lyrisch klangstarke Alvaro-Tenor von Gegam Grigorian dahin. Solide: Vassili Gerello (Don Carlos), Mikhail Kit (Heinrich) und Edem Umerov (Telramund). Ob das teure Tingeltheater das Baden-Badener Mammutprojekt langfristig beflügelt, bleibt fraglich: Die angestrebte Einmaligkeit rückt in weite Ferne, und konstante Qualität wird kaum garantiert. Nach dem Bankrott des Basler Musicals - das verrät die alte Buswerbung - steuern Reiseunternehmen zwar das süddeutsche Phantom der Opernhäuser an, doch der für 2400 Personen ausgelegte zweitgrößte Opernsaal Europas war zur "Lohengrin"-Premiere gerade halbvoll. Immerhin 1600 Besucher zog es zu Verdi. Für die Zukunft reicht das wohl kaum. Und wenn sich die staubige Wolke der St. Petersburger Festspiel-Fuhre verzogen hat, stehen sie bald wieder bedrohlich klar am Badener Himmel: die vielen offene Fragen über dem Projekt Festspielhaus.

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