Kultur : Wanderzirkus

05.01.2006 00:00 UhrVon Rolf Strube

Ditha Brickwells Frauenbiografien „7 Leben“

Bei der schönen Mariana trifft sich alle Welt: ein Maler aus Kanada, eine Norwegerin, die nachts in den Clubs Trompete spielt, eine junge Autorin aus Ägypten, ein Überlebenskünstler aus New York. Man redet viel über Sartre und über ein Gefühl, das alle kennen – in einer „geborgten Heimat“ zu leben. Mariana, als Kind jüdischer Flüchtlinge im Paris der Nachkriegsjahre aufgewachsen, wird Lehrerin, engagiert sich in den Banlieues. Aber ihre amour fou mit einem jungen Dichter scheitert, im abweisenden Verhalten ihres Sohnes wiederholt sich das Drama ihrer Liebe. Ihr Wunsch, sich in Frankreich zu Hause zu fühlen, bleibt letztlich unerfüllt.

Ditha Brickwell, 1941 in Wien geboren und zeitweise auch in Berlin zu Hause, erzählt diese Geschichte in ihren Frauenbiografien „7 Leben“ lapidar und mit Blick auf bedeutungsvolle Details eines inneren Kampfes – wie den Kult um den früh verlorenen Vater, für den Mariana jedes Jahr eine Gedenkanzeige aufgibt, oder die alte Truhe aus Czernowitz, die ihren Freunden als Sitzmöbel dient.

Brickwell, die als Architektin und Expertin für Europäische Zusammenarbeit erst spät zum Schreiben fand, hat sich mit der Ära nach dem Zweiten Weltkrieg in ihren Romanen „Angstsommer“ (1999) und „Der Kinderdieb“ (2001) auseinander gesetzt. In „7 Leben“ vertieft sie sich anhand biografischer Kurzporträts in die paradoxen Wechselwirkungen dieser Zeit – von Entwurzelung und Neubeginn, Resignation und Aufbruchsstimmung. Der Nachruf auf die eigene Mutter nimmt dabei eine Schlüsselstellung ein. Sie war es, die der Tochter in jungen Jahren mit Alltagsgeschichten die Augen geöffnet hat für das Leben und Treiben in der Wiener Vorstadt – den freundlichen Schwarzhändler von nebenan, die einarmige Trickdiebin Poldi und auch für stille alte Menschen wie Isolde, deren glückliche, durch den Holocaust zerstörte Jugend wie unter einem Schleier verborgen bleibt.

Menschen, die mehrere Leben hinter sich haben, ist Ditha Brickwell immer wieder begegnet. Auch ihre Putzfrau gehört dazu, eine unscheinbare Person, die sich nach 1945 für einige Jahre einem Wanderzirkus anschloss. Wer das weiß, schreibt die Autorin, sieht, dass ihre Bewegungen zwischen den in Unordnung geratenen Dingen noch genauso rasch und präzise sind wie früher, wenn sie in der Zirkuskuppel im freien Flug nach dem Trapezholm griff.

Ditha Brickwell:

7 Leben. Poetische Frauenbiografien aus dem Jahrhundert der Kriege. Nachwort von Eva Geber. Verlag Freimut & Selbst, Berlin 2005. 184 Seiten, 12,80 €.

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Unser/e Leser/in blinder meint zum Artikel: Besuch im Reichstag bleibt umständlich:
Da von den aktuell 620 Abgeordneten bei den Sitzungen sowieso nur 20% anwesend sind, bleiben fast fünfhundert Sitze unbelegt. Hier könnte man doch die wartenden Besucher nach der obligatorischen Einlasskontrolle "zwischenparken".
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