Kultur : Wandinstallationen: Das Geräusch von Stille an der Wand

Katrin Wittneven

Stellt man sich eine Verbindungslinie zwischen Wort und Bild vor, dann liegen die neuen Arbeiten von Urs Jäggi genau in der Mitte. Verwandt sind sie vielleicht mit der konkreten Poesie, aber allenfalls zweiten Grades. Jäggi war stets ein Reisender zwischen Bildern und Texten: Schon im Vorschulalter erhielt der 1931 in Solothurn in der Schweiz geborene Jäggi Unterricht im Zeichnen und Malen und blieb bei der Sache, obwohl er nicht, wie er sich anfangs wünschte, Künstler oder Architekt wurde. Er absolvierte eine Banklehre, wohl, so meint er heute, um dem Wunsch des früh verstorbenen Vaters zu folgen, der Notar war. Nach dem Abitur auf zweitem Bildungsweg und einem Soziologiestudium in Bern beginnt Jäggi Ende der fünfziger Jahre als Professor für Soziologie in Bern zu lehren, später folgen die Stationen Bochum, New York und Berlin, wo er bis heute lebt. Er publizierte neben dem soziologischen Bestseller "Macht und Herrschaft in der Bundesrepublik" (1969) Essays und Erzählungen. Bekannt wurden vor allem die autobiografisch durchsetzten Romane "Brandeis" (1978) und "Grundrisse" (1981), die in der Studentenbewegung spielen. Für seine Romane bekam Jäggi internationale Literaturpreise, unter anderem 1981 den Ingeborg-Bachmann-Preis.

Heute wechseln sich die Phasen ab, in denen Jäggi malt und schreibt. "Die Welten kann man nicht voneinander trennen," sagt der gerade 70 Jahre alt gewordenen Jäggi zum Verhältnis von Wort und Bild, "sie haben sich einander angenähert". Seine Texte sind in den vergangenen Jahren kürzer und poetischer geworden, die neuen Bildeinstallationen integrieren Worte oder Wortsplitter. Diese Texttafeln sind selbst Bilder, erzeugen aber vor allem Bilder im Kopf des Betrachters: Auf einem rechteckigen Holzstück steht in Versalien "Frau", daneben "Erliebte" und "Erlorene", neben einem so schematisierten "Mann" steht "Wergessene" oder "Werspielte". Das kleinere Holz-"Kind" hängt etwas abseits (Werkgruppe 50 000 Mark). Vom Leben wird hier ebensoviel erzählt wie verschwiegen.

Gegenüber eröffnet "ein Maler (m / w)" eine Serie von Berufsbildern, im wahrsten Sinne dieses Wortes (pro Porträt 6000 Mark). Eine immer gleiche Außenlinie umreißt grob die Form eines Menschen: "ein Poet (w / m)", "ein Soldat (w)", "ein Architekt". Allein die Gestaltung der Figuren und des Hintergrundes variiert. Jäggi spielt dabei mit Klischees: Der Maler besteht aus den drei Grundfarben Rot, Gelb und Blau, die Arbeitslose ist grau. Der Politiker leuchtet weiß auf weißem Grund. Ob damit der moderne Politiker als Projektionsfläche von Werbestrategen ironisiert wird oder Jäggi auf die sprichwörtliche weiße Weste anspielt? Der Maler lässt sich nicht festnageln, aber schmunzelnd hört er die Assoziationen. Nahezu körper- und gesichtslos symbolisieren diese Schablonen eine Gesellschaft, die vom steten Wechsel geprägt ist. Gleichzeitig sind es rein abstrakte Bilder, die sich über die Sehnsucht nach Abbildung und Lesbarkeit lustig machen und zugleich nach dem Verhältnis von Bild und Repräsention fragen.

Was repräsentiert das Bild, was repräsentiert Sprache? Um diese Frage kreist eine weitere Arbeit, für die Jäggi Teile von Bilderrahmen zu Schriftzeichen an der Wand ordnete: "kein Bild" steht auf der einen Seite dieser abstrakten Schrift "ein Bild" auf der anderen (20 000 Mark). Und wieder ist es der Betrachter, der sie entschlüsseln möchte. Er macht die Bilderrahmen zur Schrift und versucht, sie zu lesen. Jäggi schafft präzise bildnerische Momente, die verlangsamen statt zu beschleunigen. In ihrer Reduktion lassen sie Raum für den Betrachter und schaffen eine kontemplative Gegenwelt zu der alltäglichen Bilderflut. Wie in seinen Büchern, in denen er den Autor schon einmal negiert, indem er den Text zu einem gefundenen macht, entziehen sich Jäggis Bildtafeln einer abschließenden Interpretation. Die fragilen Zusammenhänge sind nicht konstruiert, sondern scheinen kurz auf, als seien sie nur für den Moment entstanden, bevor sie wieder verschwimmen.

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