Kultur : Wandmalerei heute: Abschied von der weißen Wand

Inge Ahrens

"Die Farben sind der Ort, wo unser Gehirn und das Universum sich begegnen", sagte Paul Cézanne. Das klingt vieldeutig und meint nicht weniger. Menschengenerationen haben versucht, der Bedeutung von Farben auf die Spur zu kommen. Johannes Klinger ist Maler und wird gern Wegbereiter neuer Wandmalerei in Deutschland genannt. Sein Buch über "Wandmalerei heute" und deren Umsetzung in der Innenarchitektur gibt einen sachlich fundierten Überblick über Einsatz und Wirkung von Farben in unseren Wohnräumen.

Wo wir früher nur Hintergründe für unsere Möbel schafften, schimmern heute die Wände magisch. Wohnräume sind keine Lebensboxen mehr, sondern emotionale Räume. Licht und Farbe bestimmen die Raumtemparatur, die Atmosphäre, uns am Ende. Mit Illusionsmalereien schaffen wir uns ein Phantasieland, fernöstliche Aufstriche nach Feng-Shui sickern in unsere westlichen Wohnwelten. Der Minimalismus als Antwort auf überwundene überladene Zeiten hat sich bereits in den 60er Jahren etabliert und kehrt in den 90er Jahre als Neo-Minimalismus zurück: Eine schier lautlose Farbigkeit macht sich breit, in der fast nur Licht und Schatten bedeutsam sind.

Die verschiedenen Gestaltungsräume oder -träume stellt Klinger am Bild und in Worten vor. An Einfallslosigkeit nicht zu überbieten ist ihm "Modern Classic". Kunstwerk vor weißer Wand nennt er das, was Ende der 20er Jahre als gewagt galt und bis heute überdauert hat.

In der zweiten Hälfte des Buches stellt Klinger ein paar seiner großen Architekturprojekte vor, wie beispielsweise die U-Bahn-Station Großhandern in München. Der räumlichen Farbgestaltung könnte eine größere Bedeutung zukommen, fände diese bereits beim Entwurf des Gebäudes Berücksichtigung. Farbige Lasuren, Stukkaturen und Tünche ganz allgemein könnten so einzelne Bauteile optisch gewichten. Der diese Arbeit macht, ist mit dem Maler im handwerklichen Sinne nur verwandt. Er ist mindestens genau so sehr ein Künstler: eigenständig prägender Gestalter innerer Räume und als Wandmaler mehr als jeder freie Künstler bestimmten Techniken verpflichtet. Die findet der nun süchtig gewordene Leser am Ende des Buches.

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