Kultur : Wanken, fallen, stürzen

Sex als Aufstand gegen den Tod: Philip Roths Roman „Jedermann“

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Man teilt die Etappen eines Lebens gern nach ermutigenden Ereignissen und Nackenschlägen ein. Wer ein Haus, einen Baum oder ein Kind gegen den vernichtenden Sturm, der vom Ende her weht, ins Feld führen kann, will sich damit trösten, dass wenigstens eine Spur des eigenen Daseins bleibt. Doch von den drei Kindern, die der Protagonist von Philip Roths neuem Roman für sich beanspruchen kann, sind die beiden Söhne aus der ersten von drei Ehen eine niederschmetternde Erfahrung; nur Tochter Nancy ist ein Glück. „Ihr miesen Schweine! Ihr ewig beleidigten Arschlöcher! Ihr arroganten kleinen Scheißer!“, schimpft er seine Söhne insgeheim, weil es ihnen selbst als Erwachsenen am geringsten Einfü hlungsvermögen für seine einstige Familienflucht gebricht.

Woran hält sich ein hartnäckiger Chronist der gesundheitlichen Nackenschläge dann fest? Bei jeder körperlichen Demütigung, mit der ihn die zweite Lebenshälfte konfrontiert und ein Stück hinfälliger werden lä sst, muss er sich sagen, dass es noch schlimmer hätte kommen können: Jeder gewonnene Tag vor dem Exitus ein Sieg. Und die Frequenz der Attacken nimmt zu.

Eine Leistenbruchoperation mit neun Jahren. Ein Blinddarmdurchbruch samt Bauchfellentzündung im Alter von 34. Auf neun Zeilen zusammengeschnurrt die „grenzenlose Selbstsicherheit“, die ihm „zweiundzwanzig Jahre ohne den Widersacher Krankheit“ beschert, bis eine fünffache Bypass-Operation fällig wird. Neun Jahre später die Angioplastie einer verstopften Nierenarterie mit der Implantation eines Stents. Im Jahr darauf die Operation der verstopften linken Halsschlagader. Ein Jahr später ein stummer Hinterwandinfarkt. Noch ein Jahr später die Implantierung eines Defibrillators, um Herzrhythmusstörungen in Schach zu halten. Schließlich der Verschluss der zweiten Halsschlagader. Alles in größter, auch terminologischer Ausführlichkeit: eine Biografie als Krankenakte.

Wohin das führt, muss man sich nicht ausrechnen. Es steht von der ersten Seite an fest. Teile der Familie, Kollegen und Wegbegleiter umstehen das Grab des Geschundenen auf einem jüdischen Friedhof in New Jersey. Nancy und der ältere, grundgesunde Bruder Howie halten Reden. Ein bisschen ist es wie in François Truffauts Film „Der Mann, der die Frauen liebte“, dessen lächerlicher Held aus der Grube heraus beobachtet, wie ihm zu Ehren ein letztes Defilee von Frauenbeinen stattfindet – nur dass Roth seinem Protagonisten lediglich die Anwesenheit einer einzigen Ehefrau gönnt: die seiner mittleren Gattin Phoebe. Nach der Affäre mit einem minderbemittelten dänischen Model, das er in einem Akt hilfloser Kompensation zur Gattin Nummer drei machte, hatte sie ihn vor die Tür gesetzt.

Jede Geschichte wird von ihrem Ende her erzählt: Mit seinem 27. Buch hat Roth das wörtlich genommen. Er setzt damit weder die sieben Zuckerman-Romane fort noch die drei Kepesh-Romane. In seiner Einzigartigkeit wie Allgemeingültigkeit lässt es sich zumindest vom Anspruch her nicht überbieten. Denn es heißt „Jedermann“ und stattet seinen namenlosen Protagonisten, einen leidlich erfolgreichen Werbetexter, gerade so weit mit Eigenschaften und Episoden aus, dass man ihn als Figur wahrnimmt und sich diese Existenzhülle doch jederzeit über den eigenen Kopf ziehen kann.

Roth hat virtuosere Romane geschrieben. Die ersten zwanzig Begräbnisseiten sind in ihrer umständlichen Behäbigkeit eine echte Lesehürde, und der Schematismus, mit dem er Nebenfiguren abhandelt, brav mit Charaktereigenschaften und Vergangenheiten versieht, zeugt nicht gerade von Eleganz. Doch es geht in „Jedermann“ um Grundsätzlicheres: um das Monströse des Selbstverständlichen und des Allerselbstverständlichsten: des Todes. Dass alles so kommt, wie es eben kommt. Dass es zwar ein Zuvor, ein Währenddessen und ein Danach gibt, aber keine Wiederholung und keine Korrektur, jedenfalls nicht, wenn man sich wie Roths Jedermann als vehementer Gottesleugner versteht.

Das gilt auf allen Gebieten. So betrügt man vielleicht seine Frau, nur um herauszufinden, ob man sie betrügen will. Doch gerade wenn man zu dem Schluss kommt, dass es unnötig oder falsch war, kann es schon zu spät sein. Mit Psychologie braucht man Roth aber gar nicht erst kommen. Sein Terrain ist die pure Physis. „Sollte er einmal eine Autobiographie schreiben“, sagt Jedermann, „würde sie heißen: Leben und Tod eines männlichen Körpers. “

Bei einem seiner Krankenhausaufenthalte trifft Roths Jedermann einen jüngeren Leidensgenossen, der ihm erzählt: „Erst ist meine Mutter gestorben, sechs Monate später ist mein Vater gestorben, acht Monate danach ist meine einzige Schwester gestorben, ein Jahr später ist meine Ehe kaputtgegangen, und meine Frau hat mir alles, was ich hatte, weggenommen. Und da habe ich mir vorgestellt, es käme jemand zu mir und sagt: ,Jetzt schneiden wir dir auch noch den rechten Arm ab. Meinst du, du kannst das verkraften?’ Und dann haben sie mir den rechten Arm abgeschnitten. Danach kommen sie wieder und sagen: ,Jetzt schneiden wir dir den linken Arm ab.’ Und als sie damit fertig sind, kommen sie eines Tages wieder und sagen: ,Willst du jetzt aufhören? Hast du jetzt genug? Oder sollen wir uns an deine Beine machen?’“

Das Seltsame ist nur, dass der Fluch des Eros mit ähnlicher Unausweichlichkeit über Jedermanns Leben zu liegen scheint. „Es begann, als er fast fünfzig war“, und er muss sich eingestehen: „Das Erstaunliche war nicht, was geschah, sondern dass es so lange dauerte, bis es geschah.“ Und dann kommt eine jener apart ausgemalten Geschichten, die seit jeher Roths Bücher durchziehen, weibliche Leser schnell zu einem verächtlichen Schnauben bringen und mä nnliche zu einem Kopfschütteln, mit welcher Chuzpe hier ein Schriftsteller von shakespearescher Dämonie seine feuchten Träume unters Volk bringt.

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„Es begann mit einer hübschen dunkelhaarigen Neunzehnjährigen, die er als Sekretärin einstellte und schon zwei Wochen nach Arbeitsantritt mit hochgerecktem Hintern in seinem Büro auf dem Fußboden kniete und sich von ihm in voller Montur, nur sein Hosenstall stand offen, vögeln ließ.“ Auch derlei gehört für Roth zum banalen fleischlichen Fatum, und es ist deshalb nicht spekulativ, weil Jedermann später, schon jenseits der siebzig, auf seinen Spaziergängen eine hübsche Joggerin von Ende zwanzig im Tanktop trifft, sie umflirtet und ihr seine Telefonnummer gibt. Daraufhin sieht er sie nie wieder. Die Vergeblichkeit wächst von Tag zu Tag. Wie in Roths vorletztem Roman „Das sterbende Tier“ wird die Bühne Stück für Stück abgeräumt

Einer wankt vielleicht noch. Ein zweiter stürzt. Ein dritter wird auf einen Schlag gefällt. Wie auch immer es passiert: Ein anderer macht den Deckel drauf. Und noch ein anderer wirft ein paar Schaufeln Dreck hinterher.

Philip Roth: Jedermann. Roman. Aus dem Amerikanischen von Werner Schmitz. Hanser Verlag, München 2006. 172 Seiten, 17,90 €.


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