Kultur : Wann fängt das Leben endlich an

Auf Augenhöhe des deutschen Schlagers: Staatspoperette

Johannes Völz

Kein Wort sagen sie. Sitzen im Wartezimmer, zu acht, einsam, verzweifelt. Die eine schlägt die Beine übereinander, zieht den kurzen Rock noch ein Stück höher, spitzt ihre Lippen zum Kussmund und neckt damit den Mann in der Ecke. Ein anderer starrt auf seine Zeitung, bleibt beim ersten Satz hängen, kramt einen Kuli hervor. Es geht ihnen ziemlich mies. Dann und wann dreht sich die Nummernanzeige an der Wand weiter, alle acht springen auf, kramen ihre Zettel hervor, erstarren: Natürlich, dran sind sie auch diesmal nicht.

Eine Szene, die Beckett entlehnt sein könnte, auch Kafka oder Sartre. Doch dann das: „Mr. Paul McCartney“ singt Eva Blum, aufgesprungen von ihrem Stuhl. Ihre quäkende Sehnsucht nach dem Idol gerät so naiv, dass man Marianne Rosenbergs Originalversion für altersweise halten möchte. 36 Popsongs folgen darauf, alle auf deutsch. Darunter das absolut Schrecklichste, was je an Lyrik in dieser Sprache verfasst wurde. Karats „Sieben Brücken“, das „Abenteuerland“ von Pur, lauter Schmuckstücke. Ein eigentümlicher Wagemut muss sich über die Macher des neu gegründeten Musiktheaters Berliner Staatspoperette gelegt haben. Die Idee für das Premierenprogramm hatten die Schauspielerin Eva Blum, die lange zum Ensemble des Grips-Theaters gehörte und in „Otto – der Katastrofenfilm“ mitwirkte, der Pianist Matthias Witting, der vor zwanzig Jahren in der Neue-Deutsche-Welle-Band „ZeitGeist“ spielte und die aus England stammende Regisseurin Vivienne Newport. „‘N Blick in der Stadt“, zitiert nach einem Song der Zöllner, haben sie ihren Liederreigen mit Klavierbegleitung genannt und sich Akteure aus dem Umkreis des Grips-Theaters zusammengesucht, wo auch die ersten Vorstellungen zu sehen waren.

Um das Visuelle geht es bei „‘N Blick in der Stadt“ nur nebenbei, gesprochen wird gleich gar nicht, die Songs selbst sollen die Handlung entfalten. Das tun sie so hinterlistig, dass man sich später selbst versichert: Diese Lieder, in Wahrheit sind sie große Klasse. Dabei ist das Motto zunächst wenig vielversprechend: Der Schlager als Traumfabrik. Dahinter aber scheint etwas viel Originelleres durch: Die Besetzungsliste der gesamten Popmusik lässt sich auf einige wenige vorgestanzte Typen reduzieren, die alles Vereinfachende abstreifen. Eine grausame Erkenntnis. Man muss sich nur richtig einhören in das krächzende Pathos, in die Schrammelakkorde des Klaviers, und schon erkennt man im Gebaren der Holzschnittfiguren „Die Hausfrau“, „Die Optimistische“, „Den Beamten“ oder „Den Umschwärmten“.

Die Hausfrau (Claudia Balko) träumt in Udo Lindenbergs „Sie ist 40“ vom charmanten Installateur, und am Ende ihres Liedes nimmt sie einen Schluck aus dem Flachmann, wie wir uns frustrierte Hausfrauen um die 40 eben so vorstellen, dass sie das tun. So richtig schlimm, also dass man drüber lachen muss, wird es, weil die Staatspoperette immer noch einen oben drauf setzt. Falk Berghofer ist der Umschwärmte, dessen Hintern die Frauen betatschen wollen. Doch warum ziert er sich? Da muss zur Abwechslung ein englischer Song herhalten, Queens „Bohemian Rhapsody“, richtig knackig übersetzt: „Mama, ich bin schwul!“ Den deutschen Schlager muss man tiefer legen, denn plötzlich, kurz bevor er begraben ist, steigt er wieder auf. Womit die Frage der Toten Hosen beantwortet wäre: „Wann fängt das Leben endlich an?“

Termine: ab 23.1. im BKA-Luftschloss, Informationen unter www.staatspoperette.de .

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