Kultur : Wann kommt denn das Rumms?

Die Welt in Loriots Augen: Erinnerungen seines Koregisseurs / Von Stefan Lukschy

Ein Höhepunkt seines Lebens. Der Moment, in dem ihm klar wurde, dass die Berliner Philharmoniker tatsächlich seinem Dirigat folgen, hat Loriot 1979 sehr beeindruckt. Foto: Cinetext/Binder
Ein Höhepunkt seines Lebens. Der Moment, in dem ihm klar wurde, dass die Berliner Philharmoniker tatsächlich seinem Dirigat...Foto: Cinetext/Binder

Vor einer Woche starb Loriot, voller Trauer verneige ich mich vor Vicco von Bülow. Mit ihm habe ich einen väterlichen Freund verloren, von dem ich als junger Filmstudent und Regieassistent nicht nur lernen durfte, wie man Austern isst, sondern vor allem, dass nichts so ernst zu nehmen sei wie das Komische.

Seit 1974 hatte ich das große Glück, mit Vicco von Bülow arbeiten zu dürfen, und habe auf diese Weise gelernt, die Welt mit seinen Augen zu sehen. Selbst in den hochtechnisierten Medien unserer Tage, derer er sich nicht mehr bediente, schien in ihm ungeahnt Komisches zu schlummern. Der Sinn eines iPads zum Beispiel schien ihm weniger darin zu liegen, die alltägliche Kommunikation zu erleichtern als in der Bereicherung des komischen Spektrums: „Ein ,Emil’ kann ich damit noch nicht schreiben, Patiencen legen geht schon ganz gut, nur mit dem Rasieren klappt es überhaupt nicht.“

Loriots Werk besteht eher aus Beobachtung als aus Erfindung. Sein Blick, der die Genauigkeit des Zeichners mit dem Röntgenauge des humanistischen Philosophen verband, war die Grundlage für alles, was dann folgte. So wurden beim Szenenbild kleinste Details nicht nur aus ästhetischen Vorstellungen heraus penibel eingerichtet. Die oft exakt symmetrischen Arrangements dienten dazu, in ihrer Strenge die komische Situation noch wirksamer herauszuarbeiten. Mancher im Team hat Loriots Genauigkeit als Pedanterie missverstanden. Aber wenn er das Ergebnis sah, wusste er, was Loriot von Beginn an vor Augen hatte.

Loriots Komik ist zeitlos. Schon zur Zeit ihrer Entstehung entsprachen seine Sketche und Cartoons nicht unbedingt dem damals gängigen Tempo und Stil. Die Wirklichkeit ist ja auch nicht schick, schnell und elegant, sie erweist sich vielmehr als ungeschickt, mühsam und zäh. Als Cutter habe ich von Loriot gelernt, dass der raffinierte Bewegungsschnitt oft viel weniger komisch ist als der „unelegante“ Schnitt mitten in einer Sprechpause. Immer fiel die Entscheidung zugunsten der Lösung aus, die sich rhythmisch dem Zögern und Stammeln des armen Kerls anpasste, der mit einer Nudel im Gesicht seiner Angebeteten einen Heiratsantrag zu machen versuchte.

Auch die Liebe zur Musik hat uns verbunden, vor allem zur Oper. Das Hören von bedeutenden Tenören hielt uns nicht selten von unserer eigentlichen Arbeit ab. Es war Loriot deshalb eine besondere Freude, dass die Berliner Philharmoniker ihn 1979 einluden, das Kanzlerfest für Helmut Schmidt mitzugestalten. Für seinen Auftritt als eine Fliege jagender Klaviertransporteur hatten wir Teile aus Beethovens „Coriolan“- und „Egmont“-Ouvertüre auf einer Musikkassette zusammengeschnitten, mit Hilfe derer er zu Hause das Dirigieren übte. Bei der ersten Probe hob er den Arm und die Philharmoniker setzten mit dem Anfangsakkord der „Coriolan“-Ouvertüre ein. Der darauf folgende Tutti-Schlag aber ließ auf sich warten. Die Musiker hielten den Akkord so lange, bis Loriot abwinkte und leicht irritiert fragte, wann denn endlich das Rumms käme, so wie er es von seiner Kassette gewohnt war. „Der kommt, wenn Sie ihn dirigieren“, sagte der Konzertmeister Michel Schwalbé. Loriot war höchst erstaunt: „Sie spielen tatsächlich so, wie ich dirigiere?“ Etwas später zog er dann das Tempo seines „Dirigats“ leicht an und die Philharmoniker folgten ihm bereitwillig. Er hat diesen Moment immer als einen Höhepunkt seines Lebens bezeichnet.

Loriot entdeckte das Komische im Alltäglichen, aber nichts hätte diesem großen Humanisten ferner gelegen, als sich über andere lustig zu machen. Der Lächerlichkeit gab er seine Figuren nur dann preis, wenn sie sich freiwillig dem Zwang inhaltsloser bürgerlicher Konventionen unterordneten und sich unentrinnbar in Floskeln oder den Fäden einer Fleischroulade verhedderten.

Wegen seiner präzisen Schilderung der kleinen und größeren Abgründe unserer Realität heißt es oft: „Das ist ja wie bei Loriot.“ Das bedeutet, wir haben alle von ihm gelernt, die Welt ein Stück weit mit seinen Augen zu sehen. So können wir, wenn wieder einmal alles zusammenzubrechen droht, lachen anstatt zu verzweifeln.

Stefan Lukschy, geb. 1948, lebt als Autor und Filmregisseur in Berlin. Seit 1974 arbeitete er als Regieassistent, Cutter und Koregisseur für Loriots Fernsehsketche und hat gemeinsam mit Loriot die DVD-Komplett-Edition der Sketche herausgegeben.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben