Kultur : War da was? -"nein - nichts"

Norbert Servos

Vielleicht sind die beiden Frauen in Liebe verbunden und die leichten Spannungen zwischen ihnen lassen sich so erklären. Vielleicht aber sind sie auch nur gute Freundinnen, die einen Lebensmoment miteinander teilen. Wer weiß.

Nicole Caccivio hat die Lebensbereiche für sich und ihre Mittänzerin Anna Holter zunächst klar voneinander geschieden. Zwei sauber ausgeleuchtete Quadrate, gelbgrün das eine, fliederfarben das andere, trennen die beiden über die Diagonale voneinander. Caccivio macht den Anfang, lockert, präpariert sich, setzt demonstrativ einen Fuß auf, erkundet den Lebensraum, pumpende, schüttelnde Bewegungen des Oberkörpers, einige Schritte im Karree - es sind kleinste Kombinationen, von Stopps unterbrochen, die die Tonart angeben. Bald schon tauschen die Frauen die Räume, Manipulationen der Älteren gegenüber der Jüngeren, wenn sie diese aus dem Lot kippt, fängt, in langen Drehungen herum wirbelt. Es wirkt wie Versuche einer Annäherung, vielleicht einer Verständigung. Doch eine seltsame Ratlosigkeit liegt darin, eine ungeklärte Absicht.

Wenn Caccivio wieder allein ist, tanzt sie ein kleines fahriges Solo voller bizarrer, abwehrender Gesten. Was oder wen weist sie ab? Mit wem liegt sie im Clinch? Am Ende des ersten 30-minütigen Teils ist jede wieder allein in ihrem Raum, den sie abschreiten mit kleinen Triplets. Ganz allmählich driftet das gemeinsame Tempo auseinander.

Der zweite, ebenso lange Teil greift die gleichen Motive in Variation wieder auf, doch jetzt zerfasert das Material. Kürzer sind die Anspielungen, schneller auch die Wechsel in der Musik. Haben Rupert Huber und Johannes Strobl den ersten Teil noch in langen Bögen vom dunklen Raunen über dramatische Klagelaute bis hin zu entspannt jazzigen Klängen begleitet, so verschärft sich jetzt die Tonart.

Ohrenbetäubend ist der Sound der zweiten Begegnung. Diesmal ist es die Jüngere, die sich der Älteren nähert. In langen Mänteln stehen sie voreinander. Doch wieder kommen die beiden nicht überein - Caccivio beharrt auf ihrer eigenen Welt, dreht zuweilen wie ein trancesüchtiger Derwisch, lässt sich - im Wortsinn - nicht bewegen. Unentschieden trennen sich die Wege. Am Schluss finden sich beide wieder in ihren abgezirkelten Distrikten. Nichts geht - oder doch?

Äußerst ungleich sind die beiden Teile in ihrer Wirkung. Baut sich im ersten immer wieder eine Raumspannung, vor allem über den langen Weg der trennenden Diagonalen auf, so zersplittert die Beziehung zwischen den Tänzerinnen im zweiten Teil immer mehr. Es ist, als dränge da etwas an die Oberfläche und könne partout nicht sichtbar werden. Andeutungen, Momentaufnahmen, die durchaus in Augenblicken eine gewisse Intensität erreichen, doch dann wieder abtauchen. Der Zuschauer bleibt im Ungewissen und wohl auch ungerührt."nein - nichts" heißt das Stück, das Daniel Schefflers Licht in einfachen graduellen Gewichtungen raffiniert begleitet.

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