Kultur : War nicht so gemeint

Im Würgegriff: New York sorgt sich um Libeskinds Entwurf für Ground Zero

Matthias B. Krause

Manchmal hat die Natur einen seltsamen Sinn für Ironie. Da stehen sie zusammen vor der Baustelle in Lower Manhattan und beschwören ihre Partnerschaft beim Wiederaufbau von Ground Zero. Der groß gewachsene Architekt David M. Childs legt für die Fotografen symbolträchtig seinen mächtigen Arm um Daniel Libeskind, der ihm gerade bis zur Schulter reicht. Zu dessen Linken Investor Larry A. Silverstein, auch immerhin einen Kopf größer. Der eingequetschte Libeskind bietet tapfer sein bübisches Grinsen, doch die Umarmung seiner neuen Partner wirkt wie ein Würgegriff.

Das Bild bestärkt die Befürchtungen der Kritiker, die in der Degradierung Libeskinds zum „beratenden Architekten“ von Silverstein-Intimus Childs den Triumph des Kommerzes über die Kreativität sehen. Nach außen beteuern beide Seiten, dass es sich um einen Zusammenschluss unter Gleichen handle. Auf die Frage, ob er befürchte, dass sein von der Öffentlichkeit vehement unterstützter Entwurf für den „Freedom Tower“ verwässert werde, antwortete Libeskind: „Nein, absolut nicht. Es wird eine Zusammenarbeit.“

Wer sich jedoch die Forderungen Silversteins, der drei Monate vor dem Anschlag am 11. September 2001 die World Trade Center Türme für 99 Jahre gepachtet hatte, genauer ansieht, dem müssen Zweifel kommen. Zum einen will der Investor, mit einem Versicherungserlös von bis zu drei Milliarden Dollar Hauptgeldgeber für den Wiederaufbau, den Turm näher am Verkehrsknotenpunkt von Regional- und U-Bahn errichten. Nach Libeskinds Plänen sollte er an der nordwestlichen Ecke von Ground Zero stehen. Wie dieser Konflikt ausgeht, ist ebenso offen wie die Frage, ob das Gebäude seine markante Antenne bekommt. Silverstein befürchtet, dass die asymmetrische Konstruktion die Baukosten in die Höhe treibt, ohne den Profit zu mehren. Erhielte der Turm nur eine Antenne, die aus der Mitte aufragt, wäre die von Libeskind intendierte Anspielung auf die eine Fackel in die Höhe streckende Statue of Liberty zunichte gemacht.

David D. Kallick, Sprecher einer der Interessengruppen, die beim Wiederaufbau von Ground Zero eine wichtige Rolle spielen, sagt: „Der Libeskind-Plan ist in einem bemerkenswerten öffentlichen Prozess ausgewählt worden. Man kann das ganze Ding jetzt nicht einfach wegwerfen und sagen: War nicht so gemeint.“

Noch im vergangenen Sommer waren Pläne, die wesentlich größere Büroflächen vorsahen, bei den öffentlichen Anhörungen durchgefallen. Erst danach startete der Wettbewerb, aus dem Libeskind als strahlender Sieger hervorging. Dass seine Vorstellungen nun dennoch zur Debatte stehen, ist einer besonderen Koalition aus Politik und Geld geschuldet. George Pataki, der Gouverneur des Bundesstaates New York, herrscht in der Port Authority New Yorks und New Jerseys, der Besitzerin der Flächen in Lower Manhattan. Ungeachtet aller öffentlichen Anhörungen drängt der Republikaner Pataki mit Macht darauf, dass der Grundstein für das neue Wahrzeichen im August nächsten Jahres gelegt wird – wenn der große Kongress seiner Partei in der Stadt ist, der den Weg zur Wiederwahl von Präsident George W. Bush ebnen soll. Bis 2006 soll nach Patakis Vorstellungen das Hochhaus stehen, dann läuft seine eigene Amtszeit aus. Der Einzige, der einen derart engen Zeitplan einzuhalten verspricht, ist Silverstein mit seinem Versicherungsgeld. Und ganz nebenbei gehört der Mann auch noch zu den wichtigsten Finanziers von Patakis Wahlkampf.

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