Kultur : War-Talk

CAROLINE FETSCHER

Balkan live.Es ist Krieg, und wir sind dabei, am Fernsehgerät, zuhause.Wir haben wieder ein Thema, ein Thema, das belebt.Der Krieg sprengt jede Party und macht aus ihr einen Debattierclub, er läuft als Gesprächsstoff Tag und Nacht durch alle Telefonleitungen, er verwandelt sogar frühlingshafte Rendez-vous in lange, ideologisch-moralische Auseinandersetzungen.Wo letztes Jahr um diese Zeit Politikverdrossenheit diagnostiziert wurde, liegt dieser Begriff jetzt nutzlos herum.Es gibt keine Politikverdrossenheit mehr.Zuschauer dürfen, nicht nur bei n-tv, Fragen an sachkundige Politiker, Rüstungsexperten, Menschenrechtler und Balkanforscher richten, Talkrunden laden sich mit dem frischen Thema politisch auf, und jeder, der in einer Boulevardzeitung wie "Bild" die Typologie von Milosevics Ohr - kriminell veranlagt - studiert hat, darf fragen, wann denn "die Bodentruppen kommen".Das ist das einstweilige Ende so bodenständiger Themen wie Renten, Schröders Mäntel, Bill Gates oder Goethe-Jahr.

Die Medien liefern uns emotionale und informative Beiträge, E-News und I-News könnte man sie nennen, wir alle reden mit, und die sonderbarsten Allianzen zeichnen sich ab.Spätestens seit der Attacke auf Chinas Botschaft in Belgrad hat die Stunde der Verschwörungstheoretiker geschlagen.Es war ihre prime-time, ein erneuter Beweis, daß hinter dem Szenario auf dem Balkan die Schlüsselindustrie Rüstung steckt, der UNO-Mandat oder Menschenrechte gleichgültig sind, die sich stattdessen bei jeder Eskalation geschäftig die Hände reibt.Ist der Krieg vom Pentagon-Kapitalismus provoziert? Und: Auf welcher rechtlichen Grundlage steht der Krieg?, fragen Legalisten und Formalisten zu beiden Seiten der Trennungslinie rechts-links, wie auch Verfechter des humanitären Einsatzes sich über diese Linie hinweg die Hände reichen.Und während sich im rechten und linken Lager prominente Kriegsgegner unterschiedlichster Provenienz und Motivation zusammenfinden, spiegeln sich diese Konflikte und Allianzen in der gesamten Gesellschaft wider.Je länger der Krieg dauert, je beharrlicher die Züge der Flüchtenden uns auf dem Bildschirm entgegenquellen, allen Bombardements zum Trotz, desto weiter wird der Stammtisch ausgezogen, vielleicht zum ersten Mal seit den Jahren von Republikgründung und Wiederbewaffnung, oder damals, zu Zeiten der "Studentenbewegung".

Zwar werden überall in der Debatte auch Vorurteile aufgekocht - so daß auch Präsident Clinton Mitte der Woche in einer Rede vor Veteranen die Verdienste der Serben in den USA pries und, um die Dämonisierung von "Balkanvölkern" einzudämmen, darauf hinwies, daß "kein Baby als Rassist geboren" wird.Zwar werfen vielerorts die Debattanten Albaner und Kosovo-Albaner, Serben und Jugoslawen, Bevölkerung und Regierungen zusammen in eben diesen einen Topf, in dem die Vorurteile kochen.Auch sprechen Männer in den Diskussionen verstärkt über Luftabwehrgeschütze, Missile-Reichweiten und Apache-Helikopter, Frauen eher über Kriegstraumata und Flüchtlingselend.Aber jeden bewegen immer wieder an erster Stelle moralisch-politische, gar außenpolitische Fragen.Das ist neu.Und darum kann es sein, daß der "Stammtisch" gar nicht immer das richtige Bild ist.Es kann sogar sein, daß, trotz der Pseudo-Partizipation, die die "Rufen Sie an"-Sendungen anbieten, eine Art Agora entstanden ist: ein Ort genuiner, öffentlicher Auseinandersetzung.

Die Grünen haben, neben einem Schuß Kinderladen-Atmosphäre, auf ihrem Parteitag so offen und öffentlich miteinander gestritten wie keine andere politische Gruppierung.Streckenweise debattierten sie so ungeschützt und kalkülfrei, wie Privatleute es in der Auseinandersetzung tun.Das machte ihren Stil so spannend, und eigenartigerweise wirkt ihre Debattierkultur wie eine unbewußte Leitkultur all unserer Debatten.Gerade jetzt, wo die grüne Partei mitten in einer Zerreißprobe steht - die der ARD-Presseclub heute mittag verhandelt -, begeht das ganze Land einen großen, pausenlosen Grünen-Parteitag, mit bemerkenswertem, begrüßenswertem Ernst.Im Gegensatz zur professionell verschlossenen Miene Minister Scharpings, wenn ihn Ulrich Wickert einbestellt, anders gefärbt als die taktischen Manöver interviewter Diplomaten oder die Darstellungen von Jamie Shea auf dem täglichen Nato-Briefing für Journalisten in Brüssel, entwickelt sich derzeit eine hochinteressierte, oft von Parteizwängen freie Diskurskultur.Womöglich entspringt der Gedanke eher dem Wunsch als der Wirklichkeit - aber es kann doch immerhin sein, daß die Diskussionen um Feuerpausen und Verhandlungen, um Menschenrechte und Diktatoren einen Lernprozeß auslösen, der dazu führt, daß die große Parole der Mehrheit nicht mehr dumpf "Wir sind ein Volk" lautet, sondern einer zeitgemäßeren, bescheiden sympathischeren Überzeugung weichen könnte, die nämlich endlich hieße: "Wir sind eine Gesellschaft."

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben