Kultur : Warhol-Retrospektive: Die Kühle des Todes

Nicola Kuhn

Viele Wege führen zu Warhol. Mit jeder großen Ausstellung wird ein anderer Pfad betreten, eine neue Orientierung gesucht im wuchernden Werk dieses Universalkünstlers, der vom Grafikdesign zur Malerei wechselte, vom Film zur Fotografie, von der Performance zur Musikproduktion, vom Zeitschriftenherausgeber zum Buchautor. In Berlin nun - vierzehn Jahre nach Wahrhols Tod - sollen die Vanitas-Motive zum besseren Verständnis seines Schaffens führen, allen voran die beklemmenden Bilder der "Disaster"-Serie. Seit seinem legendären Erstling "129 Die in Jet" - entsprechend lautete die Headline des "New York Mirror" vom 4. Juni 1962 - kehrte er manisch immer wieder zu diesem Themenkomplex zurück. Eine Via dolorosa ist deshalb eingerichtet in Berlins Neuer Nationalgalerie; die zentrale Achse des komplett leergeräumten Mies-van-der-Rohe-Baus gehört den Autounfällen, Flugzeugabstürzen, Elektrischen Stühlen und Sprüngen aus dem Hochhaus.

Ausgerechnet. Denn nun hat Kurator Heiner Bastian alle Hände voll zu tun, seine Ausstellung aus dem evidenten Zusammenhang mit den Attentaten vom 11. September heraus zu manövrieren. Wer dieser Tage das Gemälde eines stürzenden Körpers vor einer Hausfassade, die geborstenen Teile von Auto- oder Flugzeugwracks auf Leinwand betrachtet, sieht immer auch die Bilder vom Attentat auf das New Yorker World Trade Center aufsteigen. Andy Warhols drastisches memento mori hat damit seinen gespenstischen Widerpart in unserer Gegenwart gefunden. In ihrer Ikonizität bleiben seine "Carcrashes" und "Suicides" gleichwohl unberührbar, selbst vor dem Hintergrund der jüngsten Ereignisse. Es geht eine Kühle von ihnen aus, denn die klassischen Tafelbilder zollen den Opfern zwar Respekt, schaffen aber auch Distanz. Dabei will die Berliner Schau gerade den mitfühlenden, ja mitleidenden Künstler herausstellen, nicht den Zyniker, als der Warhol durch die Perpetuierung dieser Unglücksfälle immer wieder missverstanden wurde.

Der "europäische Blick" auf diesen vielleicht amerikanischsten aller US-Künstler soll konstatiert werden; so lautet die Legitimation für eine weitere Auflage kurz nach den großen Warhol-Shows im Kunstmuseum Wolfsburg und der Sammlung Beyeler im schweizerischen Riehen. In aller Unbescheidenheit will das Berliner Unternehmen auch nicht etwa "Andy Warhol - A Retrospective" heißen wie 1989 die bislang umfassendste Werksicht im New Yorker Museum of Modern Art, sondern "Andy Warhol - Die Retrospektive". "Europäisch" bedeutet hier weihevoll-museal: Warhol wird all seiner Nebenaktivitäten im Off-Bereich entkleidet und steht nun in großer Robe da als Klassiker der Moderne, ja als Matisse für die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Das Zeug dafür, aus dem man Künstlermythen spinnt, hat Andy Warhol allemal: Kindheit in allerärmsten Verhältnissen, das verkannte Junggenie. Dann Ruhm, Einsamkeit, Tod. Heiner Bastian erzählt diese liebste Geschichte des Ausstellungsbetriebes noch einmal neu, ergänzt um unbekannte Details aus der Lebensgeschichte, überraschend wieder aufgetauchte Bilder der ersten Stunde samt Zusammenführung Jahrzehnte lang zerrissener Serien. Die beeindruckende Bereitschaft seiner Leihgeber, sich für Berlin (wie auch für die zweite Ausstellungsstation in der Londoner Tate Gallery) von ihren Werken zu trennen, geben ihm jetzt schon Recht für diesen Befreiungsakt "aus der Umarmung der Pop-art"; die mit Gewissheit große Besucherzahl dürfte ihn noch einmal bestätigen. Wer will sich schließlich einen Meister madig machen und seine Kunst in kritischen Diskursen auseinander dividieren lassen?

Dabei hat der Künstler selbst die Spur ausgelegt: "Wenn Sie alles über Andy Warhol wissen wollen, dann schauen Sie einfach die Oberfläche von meinen Gemälden, meinen Filmen und mir an, und da bin ich. Es gibt nichts dahinter." In der pompösen Inszenierung der Neuen Nationalgalerie nun schwankt man, in seinen Gemälden die große Leere, das Nichts zu entdecken - oder sie als subtile Projektionsfläche von Sehnsucht und Trauer zu nehmen. Sicher ist, dass der Künstler, der selber zum Popstar aufstieg, nicht richten, sondern retten wollte, als er die Monroe, Liz Taylor oder die trauernde Jackie Kennedy mit der gleichen Lakonie porträtierte wie er zuvor Konsumartikel nobilitiert hatte. Der Balanceakt zwischen Trivialisierung und Heroisierung hält bis heute seine Bilder in einer großartigen Spannung.

Das Gleiche gilt für ihre Machart: Das von ihm als Malereiersatz eingeführte Siebdruckverfahren, das Delegieren an Mitarbeiter seiner "Factory" hätte eigentlich den Todesstoß für das Tafelbild, das Ende seiner Singularität bedeuten müssen. Stattdessen wird es bei Warhol durch die großen Formate neu auratisiert. Der Künstler führt damit konsequent fort, was Duchamp begonnen hatte. Wo der Franzose noch das Objekt selbst, den gewöhnlichen Gegenstand zum Ausstellungsstück erhob, reduziert es der Amerikaner auf dessen reine Reproduktion, die message.

Neben der eindrucksvollen Phalanx der "Disaster"-Bilder gehören jene frühen Papierarbeiten, die Andy Warhols schrittweise Entwicklung vom eigensinnigen Grafikdesign-Studenten zum erfolgreichsten kommerziellen Künstler New Yorks nachvollziehen lassen, zu den interessantesten. In ihnen wird eine Genese erkennbar, während in späteren Jahren geklotzt wurde: mit Riesenblumen, im Stempelverfahren vervielfachten Dollarscheinen, Suppendosen und Cola-Flaschen. Und dennoch ging es Warhol um mehr: "Ich glaube, dass alles, was ich gemacht habe, mit dem Tod zu tun hat." Ganz hat man ihm das nie geglaubt. Bis heute. Erst die kühle, fast aseptische Präsentation in den nüchternen Sälen der Nationalgalerie läßt seine Werke wie ein spätes Requiem wirken auf einen für zu leicht befundenen Künstler und die von ihm gegen das Vergessen vervielfältigten Unglücksfälle.

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