Kultur : Warm und lau

OPER

Frederik Hanssen

Nun gut, Puccini hat am Ende des „Bohème“-Liebesduetts das hohe C nur für Mimi vorgeschrieben – dass aber Marcelo Alvarez ausgerechnet bei seinem Berliner Classic-Open-Air-Auftritt auf dem originalen E beharrt und Cristina Gallardo-Domas mit dem heiklen Pianissimo-Ton alleine lässt, enttäuschte dann doch. Der Argentinier zeigte sich überhaupt recht knausrig, spendierte gerade vier Arien, ausnahmslos sentimentale Nummern, die er in grenzwertiger Slow-Motion vortrug. Sicher, sein wunderbar samtiger Tenor kommt so am besten zur Geltung, und in der Technik des Schmachtens hat er enorme Effektsicherheit erreicht. Doch Stimmung kommt bei so viel Schwermut kaum auf, zumal auch Cristina Gallardo-Domas, die auf der Bühne so mitreißend lebendig sein kann, keine Kontrapunkte setzte.

Von äußerst zurückhaltenden Beifallsbekundungen unterbrochen, hangelte man sich durch einen lauwarmen Abend, an dem die schnell vorbeiziehenden Wolkenformationen überm Gendarmenmarkt fast das Spannendste waren. Die Verführungsszene aus Massenets „Manon“ brachte zwar ein kurzes Aufflackern der Gefühle, doch für mehr als drei Zugaben reichte der Schlussapplaus nicht. Dann die Überraschung: In den allgemeinen Aufbruch platzten die Berliner Symphoniker, die zuvor als aufmerksame Begleiter geglänzt hatten, mit Offenbachs „Orpheus“-Can-Can und machten klar, was in dieser Sommernacht vor der Traumkulisse des Schauspielhauses hätte los sein können.

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