Warren Neidich am Rosa-Luxemburg-Platz : Die Farben der Wahrheit

„Pizzagate“ und kognitiver Kapitalismus: Der Konzeptkünstler Warren Neidich reagiert in Zeiten von Fake News aufklärerisch.

Claudia Wahjudi
Eine Neonskulptur von Warren Neidich zum „Pizzagate“-Skandal (2017).
Eine Neonskulptur von Warren Neidich zum „Pizzagate“-Skandal (2017).Foto: Ludger Paffrath / Kunstverein

Seit vielen Jahren pendelt der Konzeptkünstler, Autor und Kunsttheoretiker Warren Neidich (Jahrgang 1958) zwischen Los Angeles und Berlin, wo er an der Kunsthochschule Weißensee unterrichtet. Der Stadt ist er seit vielen Jahren schon verbunden, so unterhielt er im Rahmen eines Stipendiums 1994 ein Atelier im Künstlerhaus Bethanien. Was Neidich gegenwärtig in den USA seit Trumps Wahlkampf aber beobachtet, das macht ihn zornig: Lobbyismus, Homophobie, Missbrauch des Internets, Falschmeldungen, Verschwörungstheorien. So widmet er sich in seiner künstlerischen Arbeit den Möglichkeiten, wie diesen Fehlinformationen standzuhalten sei. Das Ergebnis war zuletzt ein Experiment für Nerven und Sinne.

Warren Neidich hatte dafür einen Kaffeebecher handelsüblicher Form auf eine Stele gestellt, die sich allerdings unter gewölbtem, transparentem Kunststoff befand. Wer durch das Material hindurchschaute, war überzeugt, der Becher würde oval aussehen und spürte, wenn er mit dem Finger über den Porzellanrand fuhr, einen elliptischen Zylinder. Wer wiederum die Augen schloss, ertastete den Kaffeebecher in seiner tatsächlichen Form. „What you see, is not what you get.“ So einfach ist das.

Der gebürtige New Yorker reagiert in Zeiten von Fake News aufklärerisch – und das mit durchaus handfesten Mitteln, wie das Beispiel des Kaffeebechers zeigt. Doch kann der Konzeptkünstler auch anders. Gegenwärtig gibt er gleich zwei Gastspiele am Rosa-Luxemburg- Platz. Als Gründungsdirektor des vor zwei Jahren aus der Taufe gehobenen Saas-Fee Summer Institute of Art lädt er bis zum 27. Juli abendlich in die Räume des Kunstmagazins „Spike Arts Quarterly“. Thema ist der „kognitive Kapitalismus“ und seine Folgen: Werden wir weniger empathisch? Wie passen wir uns den digitalen Technologien an? Zu den Gästen, die an den Werktagen zwischen 7.30 und 21 Uhr referieren, gehören unter anderem die Filmkünstler Ming Wong (25. 7.) und Isaac Julien (26. 7.).

Hommage an Joseph Beuys' „Das Kapital Raum 1970–77“

Nur ein paar Schritte entfernt ist eine große Arbeit von Warren Neidich beim Verein zur Förderung von Kunst und Kultur am Rosa-Luxemburg-Platz zu sehen: „The Statisticon Neon“, das in diesem Jahr entstand. Leuchtende Worte und Pfeile bilden ein Schaubild. Angeblich erweitert es Antonio Negris und Michael Hardts Begriff von Herrschaft für die Zeit des „Kommunikativen Kapitalismus“, also die Gegenwart, in der Unternehmen Profit mit Daten erwirtschaften. Es ist eine Hommage an Joseph Beuys’ monumentales Werk „Das Kapital Raum 1970–77“. Hübsch, ästhetisch ansprechend sieht das von der Straße aus einsehbare Bild auf jeden Fall aus.

Mit Neonpfeilen und -schriften hat Neidich immer wieder gearbeitet, so auch zuletzt in seiner Ausstellung am selben Ort. Für „Color of Politics“, so der Titel, widmete sich Neidich dem Thema Verschwörungstheorien und einem spektakulären Fall aus dem vergangenen Jahr. Falschmeldungen hatten in Washington einen Scharfschützen dazu veranlasst, in eine Pizzeria zu schießen. Der Mann war überzeugt: In den Hinterzimmern des Restaurants würden Hillary Clinton und andere Demokraten einen Pädophilen- Ring unterhalten. Der Vorfall wurde als „Pizzagate“ bekannt. Die wolkenartige Skulptur enthielt Stich- und Suchbegriffe zum Fall „Pizzagate“, von „Barack Obama“ bis „Twitter“, jedes Wort in einer anderen Farbe: Rot, Weiß, Blau, Gelb, Grün. Auch eine Art zu malen.

Kunstverein am Rosa-Luxemburg- Platz, Linienstraße 40, bis 19.  August; The Saas-Fee Summer Institute of Art, Rosa-Luxemburg-Str. 45, bis 27. Juli

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