Kultur : Warte, bis es dunkel wird

Wenn die Holztür zweimal klappert: „Signs“, ein semiotischer Thriller mit Mel Gibson

NAME

Von Christian Schröder

Fürchten müssen wir uns nur vor einem: vor der Dunkelheit. Mitten in der Nacht schrickt Farmer Graham Hess aus dem Schlaf hoch. Ein Geräusch hat ihn geweckt, das aus dem Maisfeld kam. Er tritt vor die Haustür, aber da ist nichts zu sehen außer der schwarzen Silhouette der Maisstauden. Mit den schleppenden Schritten eines Schlafwandlers dringt Hess in sein Feld ein, er taumelt vorwärts. Dann bleibt er plötzlich stehen, sein Kopf fährt herum, im höchsten Schrecken weiten sich seine Pupillen.

Die Kamera fährt hoch, und jetzt sehen auch wir, warum dem Farmer (gespielt von Mel Gibson) die Angst durch alle Glieder gefahren ist: Ein zweihundert Meter langer Kornkreis zeigt direkt auf das Haus, in dem er mit seinem jüngeren Bruder (Joaquin Phoenix) und seinen beiden Kindern (Rory Culkin, Abigail Breslin) lebt. Von wem diese Zeichen stammen könnten, ahnt er nicht, aber sie haben nichts Gutes zu bedeuten.

„Signs“, der neue Film von M. Night Shyamalan, ist ein semiotischer Psychothriller. Die Zeichen, dass Hess und seine Familie einer überirdischen Bedrohung ausgesetzt sind, mehren sich, es kommt nur darauf an, sie richtig zu deuten. Da ist der Wachhund, der nachts anschlägt. Da sind die Geräusche von Schritten auf dem Dach. Da ist immer wieder dieses Sirren, das aus dem Kornfeld zu kommen scheint. Von der ersten Sekunde an liegt ein Gefühl der Beklemmung über dem Film, und weil sich der Horror am Anfang vor den Blicken zurückzieht, ist der Zuschauer darauf angewiesen, seine übrigen Sinne zu schärfen.

Was im Kino vor allem heißt: seinen Ohren zu vertrauen. Der Soundtrack von James Newton Howard sorgt mit subtil eingesetzten Geigen-Crescendi à la Bernard Herrmann dafür, dass man auch in vermeintlich harmlosen Szenen niemals die Gefahr vergisst. Und dann ist die Stille wieder so perfekt, dass das Klappern einer Holztür im Wind ausreicht, um einem eine Gänsehaut über den Rücken zu jagen. Immer wieder zeigt die Kamera das alte Holzhaus der Hesses aus der Vogelperspektive. Als der Farmer mit seinen Kindern in die Stadt fährt, gleitet sein Auto durch Landstraßen, deren orntales Geflecht an die Kornkreis-Muster erinnert. Es ist, als ob die Aliens die ganze Zeit von oben zuschauen würden.

In seinen besten Teilen, den ersten 80 von 107 Minuten, funktioniert „Signs“ als psychologisches Kammerspiel. Auf die Gefahr reagieren der Farmer und die Seinen mit dem Rückzug. Sie vernageln Fenster und Türen, verbarrikadieren sich immer weiter, bis ihnen nur noch der Keller als Zuflucht bleibt.

„Signs“ war der erste Hollywood-Film, der nach dem 11. September gedreht wurde: In seiner klaustrophobischen Grundstimmung spiegeln sich die Ängste einer traumatisierten Nation. Wie hypnotisiert sitzt die Familie vor dem Fernseher und erfährt, dass nicht nur sie, sondern die ganze Welt bedroht ist: Auch in England, Indien und Afrika sind plötzlich diese Kreise im Korn, über Mexiko wurden Ufos gesichtet. Als die Hesses sich bei Kerzenlicht zum Abendbrot versammeln, hat keiner Appetit, obwohl doch auf jeden das Lieblingsessen wartet. Es könnte die Henkersmahlzeit sein.

Schwer zu ertragen sind allerdings die metaphysischen Gespräche, die dabei ausgetragen werden. „Ist da jemand, der uns beschützt?“, fragt der Sohn. „Da ist niemand, der uns zuschaut, wir sind ganz allein“, antwortet der Vater, der Priester war und seinen Glauben verlor, als seine Frau bei einem Unfall starb. Natürlich wird er – dies ist ein amerikanischer Film! - ihn wiederfinden. Derlei Sentenzen werden auch dadurch nicht überzeugender, dass sie aus dem Nussknackergesicht von Mel Gibson kommen, den man selten hölzerner agieren sah.

Seit „The Sixth Sense“ gilt Shyamalan als Hollywood-Fachkraft für übersinnliche Phänomene. Dass Ende dieses Films war grandios, weil es einen Weg fand, das Irrationale rational zu erklären. Auch „Signs“ endet überraschend, aber leider weniger grandios: mit grünen Männchen. Fast scheint es, als ob die Gummimonster aus den B-Movies von Jack Arnold sich in eine A-Produktion verirrt hätten. Nur dass man diesmal nicht drüber lachen kann.

In 24 Berliner Kinos, OV im Cinemaxx Potsdamer Platz, Cinestar Sony Center und in der Kurbel

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben