Kultur : Warte nur ein Veilchen

Pflicht und Kür: Das Kirov-Ballett erobert Berlin

Ulrich Amling

Neun Vorstellungen auf Berlins größter Opernbühne und nur noch wenige Restkarten an der Kasse – dem Kirov-Ballett eilt noch immer ein legendärer Ruf voraus. Mit den romantischen Ballettkreationen „Dornröschen“ , „Nussknacker“ und „Schwanensee“ begründete Marius Petipa einst den Ruhm der Tanzcompagnie am St. Petersburger Mariinsky-Theater. Eine goldene Ära, die heute gerne von Tourneetruppen wie dem St. Petersburger Staatsballett in klingende Münze verwandelt wird. Das echte Kirov-Ensemble zählt 210 Tänzer und kann so an mindestens zwei Orten zeitgleich die Juwelen seines Repertoires vorzeigen (zum Vergleich: Deutschlands größte Tanzcompagnie, das Staatsballett Berlin, zählt 88 Tänzer). Dieser Reichtum, permanent gespeist durch die Waganowa-Ballettakademie, konnte auch immer wieder die empfindlichen Lücken schließen, die der Absprung aufstrebender Stars in den Westen riss und reißt.

Dass das Kirov-Ballett nicht nur ein Drillplatz für möglichst lupenreine Schwanensee-Aufführungen ist, will Compagnie-Chef Machar Wasiew zum Auftakt des Gastspiels an der Deutschen Oper mit einem Gala-Abend zeigen. Choreografien von Nijinski, Fokine, Balanchine, Petipa und Harald Lander sollen die stilistische Virtuosität der Tänzer unter Beweis stellen – ein kniffliges Unterfangen, das vom durch eine starke russische Fraktion bereicherten Publikum auch Geduld verlangte. Gefeierte Pas de deux, gerahmt von zwei kompletten Balletten, schufen eine kipplige Dramaturgie zwischen einem Schub Museumsstauballergie und Schwaden beißender Zirkusluft. Und beides verdienen die fulminanten Tänzer nicht.

Die Rekonstruktion von Nijinskis „Sacre du printemps“-Choreografie, uraufgeführt 1913 in Paris, ist ein herber und doch erhellender Gala-Auftakt. Dem Corps de Ballet sind die verdrehten, angewinkelten, stark auf Strawinskys Musik gelegten Bewegungsmuster anscheinend nicht immer schlüssig.

Doch dann begann die Suite großer Pas de deux – und mit ihnen der Triumph der Kirov-Solisten. Zwar schlug einem bei Igor Kolbs gespreiztem Fenstersprung im „Spectre de la rose“ noch kräftiges Veilchenaroma statt zartem Rosenduft in die Nase. Doch wer Anton Korsakow in Petipas „Arlekinade“ erlebt hat, gewinnt eine neue Vorstellung davon, wie hoch und weit Kraft im Verein mit Witz springen kann. Ein leuchtender Tänzer mit wunderbar ironisch aufgelegter Partnerin (Irina Schelonkina). Inmitten der wirbelnden Paare taucht Uljana Lopatkinas „Sterbender Schwan“ auf, ein letzter Windhauch streift ihr Federkleid – und ein Erschauern ergreift das Publikum angesichts dieser zarten, verebbenden, perfekt stilisierten Erscheinung.

Dass nach den zirzensisch-brillanten „Le Corsaire Pas de deux“ noch Harald Landers halb inspiriertes „Etudes“-Ballett getanzt wurde, steigerte nur die eine Erkenntnis: Diese Gala war für das große Kirov-Ballett Pflicht. Mit „Don Quixote“ und „Schwanensee“ beginnt nun die Kür – und die Zeit des uneingeschränkten Jubelns.

Weitere Vorstellungen: Don Quixote, 25. und 29., Schwanensee, 26., 27., 28., 30. November, noch Restkarten erhältlich.

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