Kultur : Warte, warte noch ein Weilchen

VOLKER STRAEBEL

Stellen Sie sich vor, Sie wollen Kultur machen.Leinwand und Farbe werden Sie noch bezahlen können - aber wenn Sie nun Komponist, Choreograph oder Regisseur sind? Wir reden hier nicht von Laiengruppen und Feierabendchören, so wichtig und anerkennenswert deren Arbeit auch sein mag.Professionelle Konzerte oder gar Bühnenproduktionen mit ausgebildeten Akteuren sind unmöglich privat zu finanzieren.Müssen sie auch nicht sein.Schließlich handelt es sich um öffentliche Kunst, jedermann für ein geringes Entgeld zugänglich.Bei entsprechender Qualität also auch würdig, von der Allgemeinheit unterstützt zu werden.

Dafür gibt es öffentliche Fördermittel (natürlich nie genug), die über verschiedene Gremien ausgeschüttet werden (viel zu viele).Und das geht so: Nehmen wir einmal an, Sie sind auf ein paar junge, aber wenig bekannte Komponisten aufmerksam geworden.Die wollen Sie nun in einem Kammerkonzert vorstellen.Das kostet etwa 30 000 Mark inklusive Saalmiete und Werbung aber ohne teure Solisten.Mit etwas Glück kommen 150 Zuhörer und die Eintrittsgelder decken zehn Prozent der Kosten.Im Oktober des Vorjahres haben sie Anträge beim Kultursenator gestellt (Förderung eines Berliner Ensembles), bei der Initiative Neue Musik (Senatsmittel zur Präsentation auswärtiger Musiker und Komponisten in Berlin), vielleicht auch noch bei der Lottostiftung und anderen Fonds und Institutionen.

Im April soll das Konzert stattfinden.Im Dezember tagen die Jurys, doch sie erfahren erstmal nichts.Der Berliner Landeshaushalt ist nämlich noch nicht verabschiedet.Ein Vierteljahr vor dem Konzert wollen die Musiker aber ihre Verträge sehen, ehe sie mit der Einstudierung beginnen, der Saal muß fest gemietet, das Programmheft in Auftrag gegeben werden.Ende März schließlich, drei Wochen vor der Aufführung, werden die Haushaltsmittel freigegeben und Sie erfahren im günstigsten Fall, daß Ihnen ausreichende Gelder bewilligt wurden.Was aber, wenn nicht? Hätten Sie die Nerven gehabt, das Konzert nicht abzusagen? Es ist offensichtlich, daß diese Fördersituation, die in anderen Bereichen der Freien Gruppen nicht wesentlich anders ist, eine angemessen langfristige Planung unmöglich macht.Seit 1995 der Senat die institutionelle Förderung abgeschafft hat, hangeln sich selbst renomierte Veranstalter und Festivals wie die "Freunde Guter Musik" und die "Insel Musik" mit Projektanträgen von Jahr zu Jahr.Dabei wären deren Etatvorstellungen vergleichsweise bescheiden.Man bedenke, daß selbst Institutionen wie das Podewil notgedrungen ganze Konzertreihen mit einem Budget auf die Beine stellen, das anderenorts als Abendgage eines Pultstars veranschlagt wird.

Zu den freien Kuratoren, die als Kunstermöglicher eigentlich die wahren Helden der Kultur sind, gehörte auch Erhard Grosskopf, der nun nach über zwanzig jähriger Leitung der von ihm begründeten "Insel Musik" verbittert das Handtuch geworfen hat.Der Komponist zieht damit die Konsequenzen aus einer kulturpolitischen Schieflage, die es ihm unmöglich erscheinen läßt, weiterhin hochkarätige und international gefragte Künstler für sein dreitägiges Festival zu verpflichten.Nochmal: Wir reden hier nicht von der Programmgestaltung, die nicht immer glücklich gewesen sein mag, auch nicht wirklich vom Geld, das für solch einen bedeutenden Fixpunkt im Berliner Musikleben sicher aufzutreiben ist.Es geht allein um die unsinnig kurzfristige Vergabe der Fördermittel.Kultur auf Last-Minute-Niveau kommt nicht über Straßenmusik hinaus.

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