Kultur : Warten auf den Durchbruch

Die Berliner Gemäldegalerie solle auf und an die Museumsinsel ziehen, in ihrem alten Haus wäre dann Platz für die Moderne. Das war der Plan der Stiftung Preußischer Kulturbesitz - bis sich ein Proteststurm erhob. Was die Planer übersehen haben: Auch das Kulturforum mit einer Galerie des 20. Jahrhunderts müsste neu gedacht werden.

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Museum der Moderne.
Museum der Moderne.

Arme reiche Gemäldegalerie. Nicht einmal 15 Jahre ist sie mit ihrem Bilderschatz im eigenen Haus, da soll sie schon wieder wandern – an einen besseren, passenderen Ort, die Museumsinsel, wo sie im Bode-Museum im Verein mit der Skulpturensammlung ihrer endgültigen Bestimmung zugeführt werden könnte. Die Diskussion ist beileibe nicht neu, es gab sie bereits Anfang der Neunziger, als der damalige Generaldirektor Wolf-Dieter Dube allen kritischen Stimmen zum Trotz den auf alten Planungen beruhenden Galeriebau am Kulturforum durchpeitschte.

Seine Begründung lautete damals, dass es nicht noch einmal so viel Geld für einen Neubau in unmittelbarer Nachbarschaft der Museumsinsel geben werde, als Ausweichquartier für all jene Meisterwerke, die im Bode-Museum keinen Platz finden. Zwei Jahrzehnte später wird das Argument umgedreht. Nun soll der Druck auf die Politik nicht mehr mit der Forderung eines rettenden Hauses am Kulturforum erzeugt werden, sondern durch Verweis auf den fehlenden Bau auf der Museumsinsel. Ein gefährliches Spiel. Wie damals tobt ein Berliner Museumskrieg. Es ist der dritte mittlerweile. Im Zentrum des ersten stand übrigens die neu eröffnete Abteilung der Moderne im Kronprinzenpalais, über die der Publizist Karl Scheffler schon Anfang der zwanziger Jahre mit Direktor Ludwig Justi in heftigen Streit geriet. Hier hingen Feininger, Munch, Gauguin, van Gogh, die Expressionisten, Franz Marcs „Turm der blauen Pferde“.

In der aktuellen dritten Museumsfehde werden Alt gegen Neu, Gemäldegalerie gegen die Galerie des 20. Jahrhunderts ausgespielt. Die Sammlung Pietzsch gilt als Hebel für die Museumsrochade, den Wechsel der Moderne in die Räume der Gemäldegalerie. Die 10-MillionenEuro-Gabe, die Kulturstaatsminister Neumann für die Umrüstung lockermachte, vergiftet die Atmosphäre. Was als Teil eines Gesamtplans gedacht war, erscheint plötzlich als willfährige Reaktion auf die Forderungen eines Privatsammlers.

Udo Kittelmann, Direktor der Neuen Nationalgalerie und damit treibende Kraft im Umzugsprojekt, schlägt die Hände über dem Kopf zusammen. Die Debatte sei von Polemik und Darstellung falscher Tatsachen geprägt. „Es wird so getan, als ob das 20. Jahrhundert die alten Meister vor die Tür setzt“, klagt er. Dabei sei endlich der Zeitpunkt für eine Doppellösung für beide Sammlungen gekommen. Die Schenkung Pietzsch: ein Mosaikstein im großen Ganzen. Das Sammlerehepaar, so Kittelmann, hege mitnichten egoistische Ideen in Form musealer Selbstdarstellung. Den Kuratoren sei überlassen, in welcher Form und Quantität sie Werke der Kollektion auswählen. „Etwas Besseres kann einem Museum nicht passieren“, so Kittelmann.

Und doch scheint die klassische Moderne der Gewinner der Rangelei zu sein. Die gloriose Wiederauferstehung der Gemäldegalerie am neuen Ort, der „Beginn einer neuen Ära“, wie die Stiftung Preußischer Kulturbesitz sie beschwört, befindet sich in weiter Ferne. Kupferstichkabinett und Kunstgewerbemuseum, die verbleiben, erscheinen unter dem Rubrum „20. Jahrhundert“ fehl am Platz. Sie sollten ursprünglich mit der Gemäldegalerie den Schwerpunkt europäischer Hochkulturen bilden, in Abgrenzung zu den außereuropäischen und archäologischen Sammlungen in Dahlem und auf der Museumsinsel. Doch der neue Masterplan fegt das alte Konzept hinweg.

Inzwischen ist man bei Plan drei angelangt, schon vor zwölf Jahren erdacht von Dube-Nachfolger Peter-Klaus Schuster, ohne dass er je Verbindlichkeit erlangte. Die Forderung von Kulturstaatsminister Neumann als Vorsitzendem des Stiftungsrats der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, in der nächsten Sitzung müsse eine Gesamtplanung aller Investitionsvorhaben vorgelegt werden, erstaunt denn doch sehr. Wenn selbst er den großen Fahrplan nicht kennt, wer weiß dann eigentlich, wohin genau die Reise geht? Angesichts des öffentlichen Ärgers scheint es ratsam, die offensichtlich erst für November angesetzte nächste Sitzung vorzuverlegen. Staunend erfährt man, dass erst jetzt eine Machbarkeitsstudie für die gigantische Bilderverschiebung erstellt werden soll.

So logisch es erscheint, die Gemäldegalerie auf die Museumsinsel zu bringen, wo sie das ihr gebührende Publikum endlich finden mag: Zu einem vollendeten Ganzen werden sich die über 20 Häuser der Preußenstiftung mit ihren Sammlungen trotzdem nicht fügen. Dem Kupferstichkabinett mag künftig ein Showroom im Bode-Museum eingeräumt werden, seinen großen Partner hat dieses „Bildgedächtnis Europas“, wie Direktor Hein Schulze-Altcappenberg sein Haus nennt, in unmittelbarer Nähe am Kulturforum aber verloren. Den über 550 000 druckgrafischen Werken, 110 000 Zeichnungen und Aquarelle, darunter Blätter von Dürer, Botticelli, Rembrandt, fehlt dann der Bezugspunkt. Das Gleiche gilt für das derzeit wegen Renovierung geschlossene Kunstgewerbemuseum mit dem Welfenschatz.

Das Kulturforum muss also neu gedacht werden. Die Gemäldegalerie hat hier ihre Chance gehabt mit einem maßgeschneiderten Haus; über 10 000 Unterschriften zählt der Internetaufruf, die alten Meister hier zu belassen, in ihren perfekten Räumlichkeiten. Und doch hat die Gemäldegalerie ihre Chance verpasst, denn aller Statistik zum Trotz – ebenso viele Besucher wie die Münchner Pinakothek! – herrscht in den Sälen eine Leere, die in keinem Verhältnis zum Rang der Werke steht.

Wenn dort 2015 mit Beginn der Sanierung des Mies-van-der-Rohe-Baus tatsächlich die Moderne Einzug hält, dann wird sie sich anstrengen müssen. Raffael, Tizian, Dürer, Vermeer haben bislang als Zugpferde für das große Publikum nicht genügt. Die Museumsinsel wirbt in ganz anderem Maß für sich, gigantische Plakate hängen von den Fassaden herab, die Rotunde vor dem Pergamonmuseum zieht an wie ein Karussell auf dem Rummelplatz, ein hochmögender Förderverein engagiert sich für die Vollendung des gewaltigen Bauprojekts. Warum gab es Vergleichbares nie für das Kulturforum? Hier herrscht seit Jahren Öde.

Bis heute ist es nicht gelungen, ein schlüssiges städtebauliches Konzept zu entwickeln, die Passanten vom tagtäglich mit tausenden Menschen bevölkerten Potsdamer Platz aufs Kulturforum zu locken. Für die Gemäldegalerie wurde nach dem Kommunikationsdesaster um die 10- Millionen-Euro-Gabe eine PR-Broschüre gedruckt, die das erweiterte Bode-Museum als „Kunstsensation des 21. Jahrhunderts“ anpreist (siehe Tagesspiegel vom 22. Juli). Die Nationalgalerie mag zwar gegenwärtig als Gewinner der Auseinandersetzung dastehen, doch sie wird ebenfalls Helfer brauchen, um im jetzigen Haus der Gemäldegalerie nicht ebenfalls in einen Dornröschenschlaf zu fallen.

Udo Kittelmann hatte es von Anfang an darauf angelegt, den Erwartungsdruck des Publikums zu erhöhen und damit auch die Politik wachzurütteln. In drei Schritten führt er im Untergeschoss der Nationalgalerie die Sammlung des 20. Jahrhunderts vor; seit November 2011 ist unter dem Titel „Der geteilte Himmel“ Kunst aus der Zeit zwischen 1945 bis 1968 zu sehen; erst im Herbst 2013 folgt der letzte Teil. Zwei Drittel der Sammlung befinden sich also jeweils im Depot, Dix, Kirchner, Beckmann, die Meisterwerke der Nationalgalerie, sind über Jahre nicht zu sehen. Hier allerdings blieb der Aufschrei in der Öffentlichkeit, die Unterschriftenpetition aus. Nicht weil die Moderne weniger populär wäre, im Gegenteil: Der neue Nationalgalerie-Direktor schenkt mit dem Nehmen stets einen neuen Blick auf das Verbliebene und hält sich damit die Besucher gewogen.

Der Entzug eines ganzen Bilderschatzes zeitigt hier also seine Wirkung. Berlin bekäme nun endlich sein Museum der Moderne, wie es in anderen Metropolen längst existiert – in Paris mit dem Centre Pompidou, in London mit der Tate Modern, in New York mit dem Museum of Modern Art, in Madrid mit der Reina Sofia. Das ist hier umso wichtiger, denn das 20. Jahrhundert erzählt in Berlin seine ganz eigene Geschichte, die sich gerade in der Kunst reflektiert. Nicht nur durch die dramatischen Lücken, die die NS-Zeit schlug, sondern auch in der Gegenüberstellung von Werken, wie sie im geteilten Land entstanden. Eine Galerie des 20. Jahrhunderts am Kulturforum wird also Kunstgeschichte als spezifische Sozial- und Zeitgeschichte erzählen, nicht zuletzt mit den Gaben privater Sammler, den Werken der Surrealisten von Pietzsch, dem Beuys-Block von Marx.

Die Leidenschaft Einzelner bildete schon immer die Basis öffentlicher Sammlungen, auch bei der Gemäldegalerie. Nur hat sich dort durch die Verdichtung der Jahrhunderte, die Erarbeitung von Generationen von Kunsthistorikern ein stärkerer Kordon gebildet. Für die jüngere Vergangenheit gilt es noch zu kämpfen.

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